Tödliche Immuntherapie

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5950870236_64af74c06d_oDie beiden Männer starben kurz hintereinander. Mit einer neuartigen Immuntherapie wollten die Ärzte vom Department of Medicine der University of Pennsylvania die Krebszellen in ihrem Körper zerstören. Doch der Versuch schlug fehl. Die im Labor für die Tumorbekämpfung gezüchteten T-Zellen griffen nicht nur den Krebs im Körper der Patienten an, sondern sie zerstörten auch Herzmuskelzellen.

Das Herz hielt dieser Attacke nicht stand und versagte nur wenige Tage nach der Infusion der T-Zellen. Und so fand eine Studie, die mit viel Hoffnung und Zuversicht gestartet worden war, ein rasches Ende. Bei den Untersuchungen zuvor im Tiermodell hatte es keine Hinweise auf solch fatale Nebenreaktionen gegeben.

Carl June und seine Kollegen von der University of Pennsylvania beschreiben im Fachmagazin “Blood”, wie es zu dem tragischen Vorfall gleich zu Beginn der Studie kam. Für die Therapie waren dem 57- und dem 63-jährigen Blut- bzw. Hautkrebspatienten T-Zellen entnommen worden. Im Labor statteten die Forscher die Immunzellen dann gentechnisch mit Erkennungsstrukturen für das Molekül MAGE-A3 (Melanoma-associated antigen 3) aus, das häufig auf Tumor- und nur selten auf anderen Körperzellen zu finden ist.

Wie sich zeigte, hatten sich die manipulierten T-Zellen im Körper der Patienten stark vermehrt. Reichlich waren sie allerdings auch ins Herzgewebe eingewandert, wo sie ihr folgenreiches Zerstörungswerk anrichteten. Aber warum erkannten die Immunzellen die Herzzellen, wo diese das Tumormerkmal MAGE-A3 gar nicht auf der Oberfläche tragen?

Des Rätsels Lösung brachten Tests mit im Labor kultivierten Herzzellen. Die manipulierten T-Zellen reagierten hier mit dem Molekül “Titin”, das an der Kontraktion der Herzmuskelzellen mitwirkt. Ein kleiner, nur aus neun Aminosäuren bestehender Abschnitt in diesem Moleküle ähnelt einem Bereich im MAGE-A3 und wird daher ebenfalls vom Rezeptor der T-Zellen erkannt.

Immunzellen, die mit körpereigenen Molekülen reagieren, werden eigentlich während ihrer Ausbildung im Thymus aussortiert. Wenn diese Art T-Zellen überhaupt überlebt, dann nur solche, die sich mit sehr schwacher Bindungskraft an ihr Ziel anlagern können. Im Labor nun hatte man T-Zellen herangezüchtet, die besonders gut an MAGE-A3 binden können. Das sollte eine sichere Erkennung und Abtötung von Tumorzellen garantieren. Leider gingen die Zellen mit der gleichen Tatkraft auch gegen die Herzzellen vor.

Ein überraschendes Ende der Studie, das nun nach geeigneten Techniken ruft, mögliche alternative, unerwünschte Ziele im Körper rechtzeitig zu entdecken. Mehr als deutlich zeigt die Studie den entscheidenden Schwachpunkt der zellulären Immuntherapie. Unsicher ist nach wie vor, auf welche molekularen Angriffspunkte des Tumors man Immunzellen ansetzen kann, ohne starke Nebenwirkungen auszulösen.

Bild: Gesunde, menschliche T-Zelle [National Institutes of Allergy and Infectious Disease, http://www.flickr.com/photos/niaid/5950870236/]

 

 

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