Schlafbedürftige Immunabwehr

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medium_19648335“Vom Schlafen und Verschwinden” heißt das neue, empfehlenswerte Buch von Katharina Hagena. Ich habe es gerade mit Begeisterung gelesen. Es erzählt die Geschichte der Schlafforscherin Ellen Feld, die an einer Hamburger Klinik arbeitet und dort versucht, Menschen mit Schlafproblemen wieder zu einer erholsamen Nachtruhe zu verhelfen.

Leider findet Ellen seit einiger Zeit nachts selber nicht mehr in den Schlaf. Die eigenen Hilfstechniken versagen, sie liegt Nacht um Nacht wach im Bett. Die akute Unfähigkeit sich zur Ruhe zu begeben, zu schlafen, liegt, wie man als Leser nach und nach erfährt, in Ellens Lebensgeschichte begründet. In einer durchwachten Nacht, die im Buch geschildert wird, erinnert sie sich an entscheidende Lebensphasen und an die Menschen, die darin eine wichtige Rolle spielten.

Sie denkt an ihre Mutter, die sich infolge einer Demenzerkrankung und eines im Kopf geplatzten Blutgefäßes langsam aus dem Leben verabschiedete. Oder an ihren Vater, den auch am heimischen Abendbrottisch dozierenden Professor, der Stärke und Halt in der Musik suchte. Sie denkt an die Männer in ihrem Leben und an ihre fast erwachsene, schöne, mit einem gesunden Schlaf gesegnete, kreative Tochter – für Ellen angesichts der eigenen Erschöpfung ein Sinnbild des Lebens.

Ellen zeigt die (ihr nur zu gut bekannten) typischen Symptome von Schlafmangel. Tagsüber fühlt sie sich schlapp, unkonzentriert und sehnt die Nacht herbei, in der sie dann aber nur wieder Stunde um Stunde wach liegt und nicht einschlafen kann. In dieser Verfassung wird sie ihr Buch über die “Geschichte des Schlafs”, an dem sie gerade arbeitet, wohl kaum fertigstellen können.

Zu den offensichtlichen Beeinträchtigungen durch den Schlafmangel gesellen sich andere, unauffälligere. Um die geht es in “VomFoto Schlafen und Verschwinden” nicht, sie sind aber auch sehr spannend :) . Wenn wir dauerhaft zu wenig schlafen, schwinden nämlich auch die Abwehrkräfte des Körpers. Kein Wunder, denn der Schlaf und das Immunsystem stehen in einer engen Beziehung. Das macht sich zum Beispiel bemerkbar, wenn wir von einem Infekt heimgesucht werden. Die bei den Abwehraktionen freigesetzten  Botenstoffe machen müde. Nichts sehnen wir dann stärker herbei, als unter der Bettdecke zu verschwinden und die Krankheit wegzuschlafen.

Zum anderen sind Immunzellen durch eine Art “innere Uhr” nicht zu jeder Stunde des Tages zu Höchstleistungen fähig. Phasen der erhöhten Aktivität und der Ruhe wechseln sich ab. Nachts etwa tauchen gewisse T-Zellen, B-Zellen und Entzündungsstoffe wie das Interleukin-6 in größeren Mengen im Blut auf – eine mögliche Ursache dafür, warum Asthmaanfälle des nachts oft besonders heftig ausfallen können.

Tagsüber sind Killerzellen und andere Mitstreiter der angeborenen Immunabwehr aktiv und Signalstoffe wie das Interleukin-10, das Entzündungen hemmt, dominieren. Es scheint, als wache das Immunsystem tagsüber aufmerksam über den Organismus, verteidige rasch mit ersten (groben) Maßnahmen und sammle Informationen über unerwünschte Eindringlinge. Nachts dagegen wird die körperliche Ruhephase genutzt, um weitreichende Aktionen in Gang zu setzen, wie die Antikörperproduktion oder die Anlage des immunologischen Gedächtnisses. Dadurch gelingt es, anhaltend reinen Tisch zu machen und Störendem dauerhaft den Zutritt zu verwehren.

Chronischer Schlafmangel nun kann die natürlichen Rhythmen durcheinanderbringen und dadurch die Immunabwehr schwächen. So verringert sich bei Menschen, die im Experiment lange wach gehalten werden, die Anzahl von T-Helferzellen im Blut. Ohne die Unterstützung dieser Zellen kann keine Immunantwort gegen Viren oder Bakterien gestartet werden.

Wer selbst zum Erfolg einer Schutzimpfung beitragen möchte, sollte in der Nacht nach dem Pieks möglichst zeitig das Bett aufsuchen. Schlaf, so hat es die Arbeitsgruppe von Thomas Bollinger von der Universität Lübeck herausgefunden, fungiert als natürlicher Wirkverstärker, als “Adjuvans”, für eine Impfung. Im Experimenten bauten die Testpersonen, die in der Nacht nach einer Hepatitis-A-Impfung gut geschlafen hatten, ein deutlich besseres immunologisches Gedächtnis auf, als die Studienteilnehmer, die in der betreffenden Nacht vom Schlafen abgehalten wurden. Der Effekt war sogar noch mehrere Monate nach der Impfung an den Antikörperspiegeln im Blut der Probanden sichtbar.

photo credit: <a href=”http://www.flickr.com/photos/jbird/19648335/”>thejbird</a> via <a href=”http://photopin.com”>photopin</a> <a href=”http://creativecommons.org/licenses/by/2.0/”>cc</a>

 

 

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