Privilegiert

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Privilegiert

 

Versehrte Blut-Hirn-Schranke, Blutbestandteile gelangen über die Wand des Blutgefäßes in das Nervengewebe (Neuronen: blau, Gliazellen: gelb, Inhalt der Blutgefäße: rot)
Versehrte Blut-Hirn-Schranke, Blutbestandteile gelangen über die Wand des Blutgefäßes in das Nervengewebe (Neuronen: blau, Gliazellen: gelb, Inhalt der Blutgefäße: rot)

Das Enkelkind darf bei den Großeltern viel länger aufbleiben als zu Hause, der Lokalpolitiker muss nicht in der Schlange stehen, sondern betritt den Theatersaal über einen Nebeneingang, die alte Dame bekommt in der vollen U-Bahn einen Sitzplatz angeboten. Unter gewissen Umständen genießen Menschen Vorrechte, die anderen in der Situation verwehrt bleiben.

Auch einige Organe des Körpers erfahren eine Sonderbehandlung - seitens der Immunabwehr. Das Gehirn, die Augen, die Hoden, Teile des Haarfollikels und auch das heranwachsende Kind im Mutterleib werden von den Reaktionen des Immunsystems teilweise abgeschirmt, damit das empfindliche Gewebe im Eifer des Gefechts unter einem Zuviel an Entzündungsstoffen keinen Schaden nimmt.

Die vor über 70 Jahren zum ersten Mal vom britischen Anatom und Zoologen Peter Brian Medawar diskutierte Idee des “Immunprivileg” bestimmter Organe, ging bisweilen so weit, dass als gesetzt galt, im Gehirn könne keine Antikörperantwort oder Reaktion von T-Zellen gegen fremde Antigene in Gang gebracht werden. Und, was nicht sein darf, kann auch nicht sein, also wurde häufig erst gar nicht nach derartigen Immunprozessen im Gehirn gesucht oder darüber geforscht.

Inzwischen hat sich die Sichtweise glücklicherweise geändert. Ein komplexes Miteinander aus Immun- und Nervenzellen, so weiß man nun, sorgt für ein ordnungsgemäßes Reifen des Gehirns während der kindlichen Entwicklung. Immunzellen beseitigen tagtäglich abgestorbene Zellen und anfallenden Schrott, ohne großes Aussehen zu erregen. Sind Viren über die Blut-Hirn-Schranke eingedrungen, werden sie von der Abwehr (im Idealfall auf möglichst diskrete Weise) angegangen, Antikörper und T-Zellen sind auch hier im Einsatz.

Besonders im Alter kann die fein austarierte Balance zwischen Immun- und Nervenzellen jedoch aus dem Lot geraten. Die britischen Immunologinnen Sandra Amor und Nicola Woodroofe halten es durchaus für denkbar, dass jede neurodgenerative Erkrankung ihren Ursprung in einem fehlgeleiteten Miteinander der im Gehirn ”wohnenden” Immunzellen, der T-Zellen, Antikörper und Nervenzellen hat.

Auf der Suche nach neuen Behandlungsmöglichkeiten für Parkinson, Alzheimer, Multiple Sklerose, und ALS muss jeder der einzelnen Mitstreiter genau unter die Lupe genommen werden. Heiße Kandidaten für eine mögliche therapeutische Einflussnahme sind regulatorische T-Zellen (Treg), Mikroglia und Mastzellen, die sich im Zentralen Nervensystem aufhalten.

Peter Brian Medawar (Quelle: Wikimedia Commons)
Peter Brian Medawar (Quelle: Wikimedia Commons)

Das Gehirn viele Jahre als “überprivilegiert” anzusehen und nicht weiter nach Immunprozessen dort zu forschen, war sicher ein Grund, der den Forschungsfortschritt hier gelähmt hat. Auf eine andere Bremse machen die beiden britischen Wissenschaftlerinnen Amor und Woodroofe außerdem aufmerksam: es sei überraschend, dass einige Fragen der Neuroimmunologie, die schon in den 1980er gestellt wurden, immer noch ungeklärt sind. Vor diesem Hintergrund müsse kritisch geprüft werden, wie bedeutsam und hilfreich die viel genutzten Tiermodelle tatsächlich für das Verständnis neurodegenerativer Erkrankungen des Menschen seien.

photo credit: <a href=”http://www.flickr.com/photos/wellcomeimages/5987513651/”>wellcome images</a> via <a href=”http://photopin.com”>photopin</a> <a href=”http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/”>cc</a>

 

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