Wenn das Immunsystem “Fleisch? Nein, danke!” sagt

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Tagtäglich stopfen wir so einiges in uns hinein und vertragen es in der Regel sehr gut. Zwar meint jeder Dritte, er würde allergisch auf Dieses oder Jenes reagieren, doch eine echte Nahrungsmittelallergie haben bei genauer Überprüfung nur 3,6 Prozent der Bevölkerung.

Vor einiger Zeit habe ich für spektrum.de einen Artikel geschrieben, der sich mit einer völlig neuen Allergievariante beschäftigte. Betroffen sind Erwachsene, die ihr Leben lang den Sonntagsbraten munter und ohne Probleme verputzt haben und plötzlich allergisch auf Fleisch -Schwein, Rind, Wild- reagieren.

Die “neue” Fleischallergie wurde bisher hauptsächlich bei Bewohnern im Südosten der USA beobachtet, tritt aber vereinzelt auch in Deutschland, Frankreich, Schweden, Australien und  – wie kürzlich berichtet - in Japan auf. Die ganze Geschichte ist aus verschiedenen Gründen eine spannende und noch sehr rätselhafte Angelegenheit:

 

  • Ganz im Gegensatz zur “klassischen” Nahrungsmittelallergie etwa gegen Nüsse, Eier oder Soja, spüren die Betroffenen direkt bei oder nach der Mahlzeit nichts. Kein Prickeln auf der Zunge, kein Jucken im Rachen, keine geschwollenen Schleimhäute. Das dicke Ende kommt bei der neuen Fleischallergie meist drei bis sechs Stunden nach dem Essen. Häufig wachen die Menschen in der Nacht auf, weil sie ein roter, juckender Hautausschlag plagt und nicht selten sind die Reaktionen so heftig, dass der Kreislauf lebensbedrohlich versagt.
  • Der Allergieauslöser ist nicht wie sonst üblich ein Proteinbestandteil, sondern ein Zuckermolekül (“Alpha-Gal”), das sich auf den tierischen Zellen befindet. Der Mensch und Primaten können diesen Zuckerrest nicht herstellen. Vermutlich muss dieses Allergen erst im Lauf des Verdauungsprozesse “freigelegt” werden, damit das Immunsystem es erkennen und sich darüber aufregen kann. Warum die allergische Reaktion aber stets um einige Stunden verzögert und häufig in der Nacht auftritt, ist noch rätselhaft.
  • Reichlich offen ist auch noch die Frage, was der plötzliche Auslöser für die Fleischallergie ist. Amerikanische Forscher im Bundesstaat Virginia haben eine spannende Theorie und einen Hauptverdächtigen: die Amerikanische Zecke (Amblyomma americanum), die inzwischen schon in ”Vegetarier-Zecke” umbenannt wurde. Stiche dieser Zeckenart sollen das Immunsystem dazu bringen, IgE-Antikörper gegen den Fleischzucker zu bilden.

 

Einiges spricht für den Zusammenhang zwischen Zeckenstich und Fleischallergie. Doch der genaue Mechanismus, der den Schalter im Immunsystem in Richtung Allergie umlegt, ist noch ungeklärt. Die Amerikanische Zecke kann zumindest nicht der einzige Auslöser sein. Auch in Ländern, wo diese aggressive, stechfreudige Art nicht zu finden ist, etwa in Deutschland, gibt es schließlich inzwischen Menschen, die über Nacht zum Fleischallergiker werden. Tilo Biedermann, Allergologe an der Universitätsklinik in Tübingen, geht davon aus, dass neben den Stichen verschiedener Zeckenarten auch andere Insektenstiche oder Parasiten die Fleischallergie in Gang bringen könnten.

Zwar scheint die neuartige Fleischallergie in unseren Breitengraden eher selten vorzukommen. Wer dennoch das Gefühl hat, der eigene Körper reagiert auf einmal komisch auf den Festtagsbraten, Hamburger, Steak oder “Sauren Nierchen”, kann beim Allergologen sicher gehen. Inzwischen ist ein diagnostischer Test verfügbar, der IgE-Antikörper gegen “Alpha-Gal” im Blutserum nachweist. Die beruhigende Nachricht angesichts von Weihnachtsköstlichkeiten: auf Geflügel und Fisch reagiert der Alpha-Gal-Allergiker nicht.

 

 

5 Gedanken zu “Wenn das Immunsystem “Fleisch? Nein, danke!” sagt

  1. Hallo! Vielen Dank für diesen tollen Bericht! Ich leide seit Jahren an unerträglichen Hautausschlägen und keiner weiß warum. Es wird Histaminintollersnz vermutet, was mich aber nicht überzeugt. Die Symptome treten bei ihr extrem verzögert auf, so dass eine genaue Eindornung fast unmöglich ist. Ich denke wenn die Nahrung im Darm ankommt gehen die Alarmglocken an und dan geht es los. Eine Allergie gegen Fleisch habe ich auch bereits im Sinn gehabt (mein Vater hat wohl auch eine) mein Hausarzt kann aber keinen entsprechenden Bluttest durchführen. Wie genau heißt der Test und wo kann ich ihn durchführen? Vielleicht können Sie mir helfen?
    Vielen Lieben Dank!
    Beste Grüsse

  2. Hallo Gaby, welche Beschwerden hattest Du? Wurden bei Dir im Blut Antikörper gegen Milch gefunden? Ich reagiere heftig auf Milcheiweiß und Ei. Teilweise verzögert, teilweise sofort. Waere sehr dankbar für eind Antwort! Gruß, meha

  3. Hallo an alle,
    erst mal muß ich sagen daß der Bericht so geschrieben ist daß man ihn auch versteht. Danke dafür. Ich suche gerade nach Infos zu diesem Thema, den ich bin eine Betroffene. Bei mir wurde letztes Jahr schon die Fleischallergie festgestellt, übrigens bei Biedermann aus der Uni Tübingen. Vorletzte Woche bekam ich dann durch erneuten Bluttest exakt die Diagnose: IgE-Antikörper gegen “Alpha-Gal im Blut.
    Es wurde kurz nach Weihnachten auf Milch getestet per Pricktest, und der war positiv. Deshalb nochmal Blut abgenommen und das kam eben dann halt raus.
    Das komische dabei ist: Ich forsche grad nach der Ursache wie ich die Geschichte bekommen haben könnte. Wir gehen zwar seit 2 Jahren in den Wald zum Pilze sammeln, aber als die Fleischallergie begonnen hatte, hab ich bewußt noch nie einen Zeckenstich gehabt. Könnte höchstens mal unbewußt passiert. Oder es war ein anderes Insekt.
    Nun habe ich die große Aufgabe, immer einen ganz niedrigen Level an Milchprodukten zu mir zu nehmen. Denn wenn ich komplett auf alles verzichten würde könnte mich zum Beispiel ein Zeckenstich ins Jenseits befördern, mal ganz derb ausgedrückt. Wenn ich zu viel Butter oder Käse zu mir nehme, oder Milch, merk ich es ein paar Tage später. grins. Dann gibts richtig Bauchweh und Blähungen.
    Ein klein wenig geht, zum Beispiel 20 Gramm Käse. Ansonsten gehts ein paar Stunden später ab mit Oberbauchschmerzen die es in sich haben. Fleisch esse ich gar nicht mehr, hab aber eine super Alternative in Form von Straußenfleisch entdeckt.
    Grüße an alle die das lesen.
    Gaby

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