Pandemrix und Narkolepsie – was hat der Grippeimpfstoff mit der Schlafkrankheit zu tun?

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medium_822270235Der Neurologe Markku Partinen schöpfte als erster Verdacht. Im Sommer 2010 wurden dem finnischen Arzt ungewöhnlich viele Kinder vorgestellt, die an “Narkolepsie” erkrankt waren. Einer seltenen neurologischen Erkrankung, bei der die Betroffenen tagsüber von plötzlichen Schlafattacken heimgesucht werden. Bis zum August desselben Jahres wurden in Finnland insgesamt 14 Erkrankungsfälle registriert.

Im Herbst und Winter zuvor waren außergewöhnlich viele Kinder mit dem Impfstoff Pandemrix gegen das Pandemievirus H1N1 geimpft worden. Markku Partinen vermutete, die auffällige Häufung von Narkolepsie-Fällen könnte mit der Impfkampagne gegen die Schweinegrippe zusammenhängen.

Und nicht nur in Finnland wurde man aufmerksam. Wenig später stellten auch die Schweden eine Verbindung zwischen der Impfung und der Erkrankung fest, Narkolepsie-Fälle aus Frankreich, Deutschland, Irland, Norwegen und anderen Ländern wurden bekannt. Bis heute erhielt der Hersteller von “Pandemrix”, GSK, fast 800 Meldungen über Narkolepsie-Fälle, die nach der Impfung auftraten.

Wenn es nach einer Impfung zu einer Erkrankung kommt, heißt das noch nicht, dass der Impfstoff die Ursache dafür sein muss. Genauso gut könnten andere, möglicherweise noch unbekannte Faktoren ausschlaggebend sein, denen die Kinder in derselben Zeitspanne ausgesetzt waren. Doch nun sprechen auch die Autoren einer Studie aus Großbritannien davon, dass ihre für England erhobenen Daten auf einen ursächlichen Zusammenhang zwischen der Impfung und Narkolepsie hinweisen. Laut der Studie erhöhte sich das Risiko an Narkolepsie zu erkranken um den Faktor 7, wenn jungen Menschen in England zuvor mit Pandemrix geimpft worden waren. Insgesamt kam ein Erkrankungsfall auf 52.000 bis 57.000 verwendete Impfstoffdosen.

Angenommen, Pandemrix kann in seltenen Fällen wirklich die Narkolepsie auslösen bzw. den Ausbruch der Krankheit begünstigen – welcher Mechanismus könnte dahinterstehen? Eine Impfung gegen die Grippe und der Ausbruch einer neurologischen Krankheit, wie passt das zusammen? Bei der Suche nach möglichen Erklärungen bin ich auf einen Text von Sarah Gilbert (Jenner Institute, University Oxford) gestoßen. Die Immunologin geht bei ihren Überlegungen von folgenden Tatsachen aus:

  • Die Narkolepsie hat eine genetische Komponente. Praktisch alle Erkrankten sind Träger eines bestimmten Allels, der HLA-Variante HLA DQB1*06:02. Diese Variante kommt bei 15 bis 25% der europäischen Bevölkerung (besonders häufig bei Nordeuropäern) vor. Die meisten Menschen tragen dieses Allel, ohne an Narkolepsie zu erkranken. HLA-Moleküle kennen wir auch unter der Bezeichnung “MHC”. MHC-I-Moleküle finden sich auf jeder Körperzelle, MHC-II-Moleküle nur auf gewissen, so genannten “Antigen präsentierenden” Zellen, wozu die Makrophagen oder dendritischen Zellen gehören. Das mit der Narkolepsie assoziierte Allel trägt den genetischen Bauplan für ein MHC-II-Molekül.
  • Man geht davon aus, dass die Narkolepsie eine Autoimmunerkrankung ist, bei der das Immunsystem in Gestalt von T-Zellen körpereigenes Gewebe im Hypothalamus des Gehirns angreift. Als Folge gehen Nervenzellen zugrunde, die sonst das Neuropeptid Hypocretin produzieren. Dieses ist an der Regulation von Schlaf und Essverhalten beteiligt.
  • In der Vergangenheit hat man Narkolepsie-Fälle auch bei Kindern beobachtet, die kurz zuvor an der Influenza-Grippe oder einer Streptokokkeninfektion erkrankt waren.
  • Die Narkolepsie bricht häufig im Kinder- oder Jugendalter aus. Zu diesem Zeitpunkt ist die Aktivität von T-Zellen in der Regel besonders hoch.

Im Zuge einer Immunantwort gegen das Influenzavirus H1N1 können, so Gilbert, in genetisch empfänglichen Individuen nun solche T-Zellen aktiviert werden, die nicht nur das Virus sondern auch Strukturen auf Neuronen im körpereigenen Hypothalamus erkennen und zerstören. Virusbruchstücke, die von den MHC-II-Molekülen (eben dem Allel HLA DQB1*06:02) der Betroffenen präsentiert werden, ähneln dabei offenbar körpereigenen Strukturen auf den Neuronen des Hypothalamus.

Aktivieren die Viren oder der Impfstoff den zellulären Arm der Körperabwehr, die T-Zellen, besonders stark, könnte in seltenen Fällen dann eine Autoimmunantwort in Gang gesetzt werden. Geschieht dies, hat das wohl weniger mit dem Impfverstärker, dem Adjuvans ASO3, als solches zu tun. Ungünstig wirken sich hier vielmehr die starke Aktivierungsfähigkeit des Impfstoffes auf das zelluläre Immunsystem und die molekularen Merkmale des Virus H1N1 aus.

An die Möglichkeit der Auslösung einer Autoimmunantwort muss gedacht werden, wenn es darum geht, neue, wirksamere Grippeimpfstoffe zu entwickeln. Gerade von solchen, die den zellulären Arm der Körperabwehr ansprechen, verspricht man sich viel.

 

“.. if we are to encourage vaccination, particulary of children, against influenza, it ist necessary to understand why in rare cases, immunization can precipate narcolepsy, and this opportunity should not be ignored.” (Sarah Gilbert)

 

In Finnland ist die Bereitschaft, sich gegen die Grippe impfen zu lassen, seit 2010 um 10% zurückgegangen. Auch in anderen Ländern hat das Misstrauen gegenüber der Grippeimpfung seit den Ereignissen rund um die “Schweinegrippe” zugenommen.

Finnische Forscher schätzen, dass die Impfkampagne 2009 gegen H1N1 zwar rund 80 Todesfälle verhindert hat. Allerdings stehen auf der anderen Seite rund 100 seither registrierte Narkolepsie-Fälle. Terhi Kilip, der Direktor von Finnlands nationalem Gesundheitsinstitut zieht aus diesen Zahlen seine eigenen Schlüsse: “Wenn ich damals gewusst hätte, was ich nun weiß, hätte ich den Pandemrix-Impfstoff nicht für die Impfung von Kindern empfohlen.”

photo credit: <a href=”http://www.flickr.com/photos/jbird/822270235/”>thejbird</a> via <a href=”http://photopin.com”>photopin</a> <a href=”http://creativecommons.org/licenses/by/2.0/”>cc</a>

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