Achtung Mausmodell!

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Eine Maus ist kein Mensch. Dieser Aussage würde jeder von uns ohne weiteres zustimmen. Und dennoch werden in der medizinischen Forschung – und besonders auch in der Berichterstattung darüber – immer wieder beide Augen zugedrückt und die Unterschiede zwischen Nagern und Zweibeinern gerne unter den Tisch gekehrt. Untersuchungen am Mausmodell könnten schließlich wertvolle Anstöße geben, um etwa die Entstehung von Krankheiten besser zu verstehen und neue Therapien zu entwickeln. Gerade in den Labors von Immunologen ist die Maus ein nicht wegzudenkender Dauergast.

Doch wie groß der Unterschied zwischen der Immunabwehr des Menschen und der Maus ist, zeigt eine aktuelle Studie eindrücklich. Forscher verschiedener amerikanischer Universitäten verglichen dabei, welche Gene im Rahmen einer Entzündung nach Verletzung, Verbrennung oder bei einer Sepsis angeschaltet werden. Wie sich zeigte, wurden nicht nur sehr unterschiedliche Genkaskaden angestoßen, auch im zeitlichen Verlauf der Ereignisse gab es große Unterschiede zwischen Mensch und Maus.

Wo bei der Vorstellung von Forschungsarbeiten die Erkenntnisse aus dem Tiermodell unkritisch auf den Menschen übertragen werden, sollten beim Leser/beim Zuhörer daher stets die Alarmglocken läuten. Ein Editorial im Journal “Nature Medicine” zu dieser Entzündungsstudie geht sogar so weit, die starke Fokussierung auf das Mausmodell als eine Ursache dafür zu sehen, warum es im Bereich der Sepsisforschung bisher nicht gelungen sei, effektive Medikamente zu entwickeln.

Die Frage sei nicht, ob man mit der Maus über ein gutes oder ein schlechtes Modell verfüge, heißt es in dem Text weiter. Mäuse hätten zweifelsfrei einen wichtigen Platz in der Forschung. Aber es sei wichtig, sich über die Grenzen des Modells klar zu sein und zu überlegen, wie die Kluft zwischen Maus und Mensch überbrückt werden könne.

Eine Idee hier sind “humanisierte” Mäuse, also Tiere, die Gene, Zellen, Gewebe oder gar menschliche Organe in sich tragen. Eine andere Möglichkeit besteht darin, sich wieder stärker auf das Immunsystem des Menschen zu konzentrieren. Wie die Körperabwehr des Menschen im wirklichen Leben bei Infektionen, nach Impfungen oder eben bei Entzündungen in seiner Gesamtheit reagiert, ist noch eine “Black Box”. Welche Immunzellen werden wann aktiv? Welche Gene werden eingeschaltet, welche Botenstoffe unter welchen Umständen ausgeschüttet?

Einer der sich dieser Aufgabe widmet, ist der Immunologe Mark Davis von der Standford University. Zusammen mit anderen Wissenschaftlern hat er vor acht Jahren das “Human Immune Monitoring Center” ins Leben gerufen. Die Grundlage eines Projektes dort bilden Blutproben, so wie sie tagtäglich unzählige Male in den Arztpraxen oder bei Untersuchungen im Krankenhaus abgenommen werden. Diese werden mit modernsten Methoden analysiert, der Aktivitätszustand und die Anzahl verschiedener Immunzellen ermittelt und die Menge von 50 verschiedenen ausgeschütteten Signalstoffen gemessen.

Insgesamt werden je Blutprobe rund 40.000 Messpunkte erhoben. Bei mehreren hundert Proben im Jahr sammelt sich eine Menge an Datenmaterial an. Im günstigsten Fall erhalten die Forscher auf diese Weise eine Art Landkarte des Immunsystems, bei der gewisse Konstellationen einem gesunden Körper zugeordnet werden können, andere dagegen auf eine Krankheit oder im günstigsten Fall sogar auf eine sich ankündigende Erkrankung hinweisen.

Sollten sich aus dieser Massenuntersuchung tatsächlich verlässliche, konstante Daten ergeben, könnte ein Bluttest in Zukunft Antworten auf Fragen wie diese geben: Hat die Grippeimpfung bei Patient X überhaupt angeschlagen? Wie stark ist das Immunsystem von Patientin Y? Fängt das Immunsystem von Patient XY gerade an, die transplantierte Niere abzustoßen oder steuert es auf eine Sepsis zu? Der Immunologe Davis hat ein spannendes Projekt ins Leben gerufen hat, das unbedingt weiter beobachtet werden muss.

 

photo credit: <a href=”http://www.flickr.com/photos/dullhunk/7095792663/”>dullhunk</a> via <a href=”http://photopin.com”>photopin</a> <a href=”http://creativecommons.org/licenses/by/2.0/”>cc</a>

 

 

 

 

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