Miss Marple und die Röteln

Send to Kindle
Agatha Christie (Wikimedia Commons)

Miss Marple kann so schnell keiner hinters Licht führen. Auch die Schauspielerin Marina Gregg nicht. Denn wie die alte, scharfsinnige Dame gegen Ende von “Mord im Spiegel” herausfindet, war es der Filmstar, der Mrs. Heather Badcock, eine Nachbarin in St. Mary Mead, mit einer Überdosis an Beruhigungsmitteln umgebracht hatte.

 Die Aufklärung des Falls gelang dank Miss Marples ausgereiften Spürsinns und ihrer Kenntnisse auf dem Gebiet der Virologie. Sie wusste, dass die Röteln sehr ansteckend sind und man es bei dem Infekt keinesfalls immer mit einer harmlosen Angelegenheit zu tun hat: “Wenn eine Frau sich in den ersten vier Monaten ihrer .. Schwangerschaft ansteckt, kann das schreckliche Folgen für das Kind haben. Es kann blind zur Welt kommen oder schwachsinnig.”

Heather Badcock musste sterben, weil sie Marina Gregg vor vielen Jahren mit den Röteln angesteckt hatte. Die Schauspielerin war zu diesem Zeitpunkt gerade schwanger und brachte schließlich ein geistig behindertes Kind zur Welt. Heather hatte ihrem Idol auf einer Wohltätigkeitsveranstaltung unbedingt begegnen wollen, obwohl sie krank war. Der rote Ausschlag wurde übergeschminkt und die folgenschwere Begegnung fand statt. Als die Schauspielerin erfuhr, wer die Behinderung ihres Kindes verantwortete, mischte sie Heather am Abend eines Zusammentreffens die tödliche Medikamentendosis ins Getränk.

 Agatha Christie hatte beim Schreiben ihrer Geschichte möglicherweise eine Person aus dem realen Leben vor Augen. Die Tochter der Schauspielerin Gene Tierney, Daria, war 1943 in Folge einer Röteln-Infektion während der Schwangerschaft ebenfalls behindert geboren worden. Auch den Namen “Marina Gregg” gab Christie ihrer Romanfigur nicht ohne Grund. Dem australischen Augenarzt Norman Gregg war Anfang der 1940er Jahre ein gehäuftes Auftreten des grauen Stars bei Kleinkindern in seiner Praxis aufgefallen. Die Mütter aller dieser Kinder waren während ihrer Schwangerschaft an Röteln (den “German Measles”) erkrankt.

Wie sich nach und nach herausstellte, führt eine Rötelninfektion in den ersten Schwangerschaftsmonaten zur so genannten “Röteln-Embryopathie”. Viren dringen dann über die Plazenta in den Organismus des heranwachsenden Kindes ein. Je nach Entwicklungsphase stirbt der Fötus noch im Mutterleib, oder das Kind überlebt und kommt mit mehr oder weniger ausgeprägten Fehlbildungen der Augen, Ohren, des Herzens oder Gehirns zur Welt.

 Agatha Christies Krimi erschien im Jahr 1962, in einer Zeit, in der sich auf dem Gebiet der Röteln gerade einiges tat. Im selben Jahr etwa isolierten Wissenschaftler zum ersten Mal das “Rubella-Virus”, das die Krankheit verursacht. Die Identifizierung des Virus legte den Grundstein für die Entwicklung eines Impfstoffes. Nach einem Rötelnausbruch in den USA, bei dem es in den Jahren 1964 und 1965 zu geschätzten 12,5 Millionen Infektionen kam, starben 11.000 Föten noch im Mutterleib und 20.000 Babies wurden mit dauerhaften Einschränkungen geboren. Dramatische Ereignisse, die die Einführung der Rötelnimpfung im Jahr 1969 vorantrieben.

Auch heute noch werden in den USA, wo das Virus als ausgerottet gilt, Kinder mit dem “Kongenitalen Rötelnsyndrom” geboren. Das kann geschehen, wenn Frauen im gebärfähigen Alter keinen ausreichenden Immunschutz gegen die Röteln haben. Nach einem Bericht des “Center for Disease Control” hatten sich die Mütter der drei im Jahr 2012 gemeldeten, betroffenen Neugeborenen in der frühen Phase ihrer Schwangerschaft in Afrika aufgehalten. Dort gibt es keine flächendeckenden Impfprogramme gegen die Röteln, wie das in Amerika, Europa und Australien der Fall ist.

Aber auch dort, wo Impfungen empfohlen werden, greift noch lange nicht jeder zu.  Lässt die Impffreude nach, steigen die Erkrankungszahlen. So traten 99% der vom “European Center for Disease Control” erfassten 26.129 Rötelnfälle in 26 Ländern Europas von Februar 2012 bis Januar 2013 in Polen und Rumänien auf, weil offenbar viele Eltern dort ihre Kinder nicht impfen ließen. (Der aktuelle Bericht vom März 2013 findet sich hier.). Um das Virus gänzlich aus Europa zu vertreiben, was offiziell für 2015 angestrebt wird, müssen 95% der Bevölkerung gegen die Röteln geimpft sein.

Impfverweigerer, wo auch immer auf der Welt, haben eine gewisse Ähnlichkeit mit Heather Badcock. “Sie meinte es nie böse”, so schreibt Agatha Christie in ihrem Krimi, ”und doch sind es zweifellos solche Leute wie Heather Badcock .., die eine Menge Schaden anrichten können, weil sie .. nicht bedenken, welche Auswirkungen ihr Handeln auf andere Leute haben könnte.”

Ein Gedanke zu “Miss Marple und die Röteln

  1. Ich bin gerade zufällig auf diesen Artikel gestoßen und finde ihn toll!
    Dass Agatha Christei so up to date war was die Röteln angeht, verblüfft mich. Und ich liebe diese Verbindung von Literatur und Medizin. Mehr davon!

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *