Neuer Grippeimpfstoff gesucht – Idee 4

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Wie dringend wir neue Grippeimpfstoffe brauchen, zeigt eine aktuelle Studie erschreckend deutlich. Arnold Monto und seine Kollegen von der University of Michigan erfassten, wie viele der 1441 Studienteilnehmer aus über 3oo amerikanischen Haushalten während des Winters 2010/2011 an der Grippe erkrankten. 60% der Personen hatten sich in der Saison gegen die Influenza impfen lassen.

Wie sich zeigte, erkrankten über die Monate 125 Menschen in der beobachteten Gruppe an einer “echten” Grippe. Das Infektionsrisiko lag dabei mit 8,5% bei den Geimpften bzw. 8,9% bei den Ungeimpften nahezu auf gleicher Höhe. Die errechnete Wirksamkeit des Impfstoffes betrug 31% (das bedeutet: wenn von 1000 Ungeimpften 100 an Grippe erkrankten, traf es von 1000 Ungeimpften 69 als 31 weniger) und war damit extrem niedrig.

Besser schützte der Impfstoff laut der Studie all jene Menschen, die in der betreffenden Saison zum ersten Mal geimpft worden waren. Die Wirksamkeit lag in dieser Personengruppe bei 62%. Offenbar sinkt die Schutzwirkung des Impfstoffes bei wiederholter Impfung, ein Phänomen, das man hier nicht zum ersten Mal beobachtet, dessen Ursache aber noch unklar ist.

Aufmerksam auf diese Studie wurde ich durch das empfehlenswerte Blog “Controversies in Hospital Infection Prevention”. Daniel Diekema zitiert in einem Beitrag dort zwei Grippeexperten, die sich – veranlasst durch die Studie aus Michigan – dafür aussprechen,  Grippeimpfstoffe vor ihrem Einsatz in randomisierten klinischen Studien auf ihre Wirksamkeit hin zu prüfen.

“It is frequently stated that  evaluation of influenza vaccines in randomized controlled trials is “unethical”, but given that the effectiveness of the vaccine is unclear, the subjects in such studies are typically at extremely low risk of serious disease, and that effective antiviral therapy is available, perhaps this statement should be reconsidered.” (John Treanor und Peter Szilagyi)

Sarah Gilbert vom Jenner Institut der Universität Oxford ist der gleichen Meinung. Das immunologische Gedächtnis , das über die Jahre durch Grippeinfektionen oder Impfungen entwickelt wurde, beeinflusse maßgeblich die Immunigenität und Wirksamkeit eines Influenza-Impfstoffes.

“Nur klinische Studien können zeigen, wie gut ein Impfstoff tatsächlich ist.” (Sarah Gilbert)

Im Journal “Lancet Infectious Diseases” kommentiert Gilbert eine gerade abgeschlossene Studie mit einem neuartigen Grippeimpfstoff, den ich hier als “Idee 4″ kurz vorstellen möchte. An der klinischen “Phase I”-Studie nahmen 166 Personen teil, 125 bekamen den Impfstoff, 41 ein Placebo. Der Impfstoff enthält ein vermehrungsfähiges, harmloses Adenovirus, in das die Erbinformation für ein Hämagglutinin-Molekül (H5) eingebaut ist, so wie es etwa im Vogelgrippevirus (H5N1) vorkommt. Der Impfstoff muss nicht gespritzt, sondern kann geschluckt werden.

Das Immunsystem des Testpersonen zeigte sich zunächst enttäuschend unbeeindruckt vom Impfstoff. Nur bei 13 der Geimpften kam es zu einem merklichen Antikörperanstieg gegen das geimpfte HA-Molekül. Dieser Antikörperanstieg wird klassischerweise mit dem Hämagglutininhemmtest gemessen. Dieser erfasst all jene Antikörper, die sich an die “Kopfregion” des HA lagern und im Test die Verklumpung roter Blutkörperchen, die durch das HA initiiert wird, hemmen. Nicht erfasst werden mit dieser Methode jedoch Antikörper, die sich gegen die Stammregion des HA richten. Auch diese Antikörper haben aber eine Schutzwirkung und können eine Infektion mit Influenza-Viren blockieren.

Auch darüber, ob eine zelluläre Immunantwort (T-Zellen) durch die Impfung in Gang gekommen ist, kann der Antikörpertest natürlich keine Aussage machen. Diese wurde im aktuellen Fall, wie entsprechende Tests zeigten, trotz der mageren Antikörperantwort aktiviert.  Das erklärt möglicherweise auch, warum nahezu alle Studienteilnehmer, die die neue orale Impfung erhalten hatten, im zweiten Schritt dann robust viele Antikörper produzierten, wenn sie zusätzlich als “Boost” eine klassische inaktivierte H5-Vakzine erhielten. Als Fazit ihrer Studie schlagen die  Forscher daher eine Kopplung verschiedener Impfungen vor, um deren Wirksamkeit zu steigern: zunächst eine Dosis des oralen, neuen Impfstoffs gefolgt von einem klassischem inaktiviertem Impfstoff.

Sarah Gilbert fordert, sich die “Wirksamkeit” von Grippeimpfstoffen in klinischen Tests zukünftig intensiver anzuschauen. Neben dem Hämagglutininhemmtest müssten zusätzliche Untersuchungen gemacht werden, etwa solche zur Überprüfung der Aktivität des zellulären Arms (T-Zellen) der Immunabwehr. Solche Tests sind zwar aufwendiger und kostspieliger, aber die Suche nach effektiveren Impfstoffen sollte es wert sein.

 

(Photo credit: <a href=”photopinhttp://photopin.com”>photopin</a> <a href=”http://creativecommons.org/licenses/by-nd/2.0/”>cc</a>)

 

 

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