Neuer Grippeimpfstoff gesucht – Idee 3

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Spodoptera frugiperda (Foto: Wikimedia Commons, Dana Campbell)

“Flublok” heißt der neue Grippeimpfstoff, den die amerikanische Behörde “FDA” Anfang des Jahres für die Impfung von Erwachsenen zugelassen hat. Was ist so besonders an diesem neuen Impfstoff und schützt er effektiver vor der Grippe, als die Vakzinen, die bereits auf dem Markt sind?

Interessant ist der neue Grippeimpfstoff aus mehreren Gründen. Zum einen wird er nicht in bebrüteten Hühnereiern hergestellt, wie das seit über 50 Jahren der Fall ist. Das Rohmaterial für den Impfstoff wird stattdessen mit Unterstützung des Eulenfalters Spodoptera frugiperda produziert. Nicht der Falter selbst ist im Einsatz, sondern eine Zell-Linie, “Sf9″, die ihren Ursprung im Eierstockgewebe der Raupe hat und dauerhaft im Labor  kultiviert werden kann.

Sf9 kommt nun nicht von alleine auf die Idee, Moleküle des Influenzavirus zu produzieren, die für die Herstellung eines Grippeimpfstoffes benutzt werden können. Hier haben Wissenschaftler nachgeholfen. Die Insektenzell-Linie wird mit einem Baculovirus infiziert, in dessen Erbgut die Gene für das Hüllprotein “Hämagglutinin” (HA) des Virus eingebaut sind. Die Zellen produzieren brav die “fremden” HA-Moleküle, die dann in mehreren Schritten aus dem Zellmaterial aufgereinigt werden können.

All das läuft wesentlich schneller ab, als die langwierige Produktion im Hühnerei. Womit wir beim ersten entscheidenden Vorteil dieses neuen Grippeimpfstoffes wären: er kann rasch und in großen Mengen hergestellt werden. Die lange Vorlaufzeit, die aktuell notwendig ist, um das mit den Hühnereiern rechtzeitig bis zur Grippesaison in den Griff zu bekommen, entfällt. So steigen die Chancen, dass die Viren, gegen die sich der Impfstoff richtet, tatsächlich auch diejenigen sind, die aktuell kursieren.

Einen anderen Vorteil spricht Manon Cox (eine Wissenschaftlerin der Firma Protein Sciences Corp., die den Impfstoff herstellt) an, als sie mir einige Artikel zum Thema schickte:

“This weekend we had our first clinics and it was really exciting to have participants who had never been able to get their flu shot before…”

Impfen lassen können sich nun zum ersten Mal auch Menschen, die allergisch auf Bestandteile des Hühnereies reagieren. Das ist ein Gewinn!

Aber wie sieht es mit der Wirksamkeit von Flublok aus, schützt dieser Impfstoff besser als Altbekanntes? Positiv auf die Stärke der Immunantwort könnte sich auswirken, dass Flublok dreimal so viel Virusprotein wie die klassischen Impfstoffe (statt 15 µg je ausgewähltem HA, 45 µg!!) enthält.

Doch die bisherigen klinischen Daten belegen eine solche gesteigerte Immunantwort nicht. Der Impfstoff wird gut vertragen, erzeugt aber ähnliche Antikörperantworten, wie man sie bei Impfstoffen aus dem Hühnerei beobachtet. Das zumindest ist das Fazit einer großen Studie mit 2344 Testpersonen. Diese wurden vor der Grippesaison 2007/2008 mit Flublok geimpft und beobachtet, wie viele der Geimpften im Vergleich zur Placebo-Gruppe (2304 Personen) schließlich an einer Virusgrippe erkrankten. Aus den ermittelten Erkrankungsfällen berechneten die Forscher eine effektive Wirksamkeit des Impfstoffes. Sie lag bei 44,6% und ist damit nicht höher oder niedriger als die Schutzwirkung klassischer inaktivierter Grippeimpfstoffe, die je nach Saison, Zielgruppe und Untersuchungsmethode mit Werten zwischen 10 und 70% angegeben wird.

Dass Flublok hier nicht effektiver schützt, verwundert nicht. Schließlich arbeitet der Insektenimpfstoff nach dem gleichen Grundprinzip wie die anderen Impfstoffe bisher. Durch die Impfung soll die Produktion von Antikörpern ausgelöst werden, die sich gegen die variable Kopfregion des Hämagglutinins richten und somit die Anheftung des Virus an die Wirtszelle und die Infektion hemmen. Vorrangiges Ziel für die Entwicklung von Flublok war wohl auch nicht, die Wirksamkeit dramatisch zu steigern. Sondern ein Verfahren zu entwickeln, mit dem rasch, große Mengen an Impfstoff produziert werden können, der sich auch für die Anwendung bei Ei-Allergikern  eignet.

Womöglich kann Flublok aber zukünftig seinen entscheidenden Trumpf ausspielen: die kurzfristige Produktion vor der Grippesaison und dadurch eine erhöhte Trefferquote und Schutzwirkung vor den tatsächlich zirkulierenden Virusvarianten.

Literatur: “FluBlok, a recombinant hemagglutinin influenza vaccine.” M. Cox et al., Influenza an Other Respiratory Viruses, 2, 201 -209 (2008), “Protective efficacy of a trivalent recombinant hemagglutinin protein vaccine against influenza in healthy adults: a randomized, placebo-controlled trial.” J. Treanor et al., Vaccine, 29, 7733-9 (2011)

 

 

 

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