Voltaire und die Pockenimpfung

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Voltaire (Bild: Wikimedia Commons)

“Recht unbedacht wird in den christlichen Ländern Europas immer wieder behauptet, die Engländer seien Dummköpfe und Verrückte. Dummköpfe, weil sie ihren Kindern die Pocken verabreichen, um zu verhindern, dass sie sie bekommen; und Verrückte, weil sie ihren Kindern mutwillig eine zweifelsfrei fürchterliche Krankheit übertragen, nur um sie vor einem zweifelhaften Unheil zu bewahren. Die Engländer nennen die restlichen Europäer im Gegenzug feige und widernatürlich. Feige, weil sie Angst davor haben, ihren Kindern einen kleinen Schmerz zuzufügen; widernatürlich, weil sie sie der Gefahr aussetzen, irgendwann an den Pocken zu sterben.”

Voltaire (1694 – 1778), Lettres Philosophiques, Lettre XI

Voltaire war für zwei Jahre (1727 und 1728) nach England verbannt worden. In der Zeit seines Exils verfasste er die ”Philosophischen Briefe”, in denen er die gesellschaftliche Situation Englands mit derjenigen Frankreichs verglich. Auch Themen aus der Wissenschaft und Medizin handelte er darin ab.

Wenn es um die Anfänge der Schutzimpfungen geht, wird meist Edward Jenner ins Feld geführt. Er impfte im Jahr 1796 zum ersten Mal einen gesunden Jungen mit Kuhpocken (einer für den Menschen recht harmlosen Virusvariante), um ihn vor einer gefährlichen Pockenerkrankung zu bewahren.

Doch bereits vor Jenner war in England ein – für damalige Verhältnisse sicheres - Verfahren zum Schutze vor den Pocken praktiziert worden. Auf diese “Variolation” spielt Voltaire in seinem Brief an. Für die Einführung dieser Impfmaßnahme in England ist laut den Geschichtsbüchern die Schriftstellerin und Frau des englischen Botschafters in Konstantinopel, Lady Mary Wortley Montagu, mitverantwortlich.

Lady Montagu hatte selbst schon eine schwere Pockenerkrankung überlebt. Sie beobachtete, wie in Konstantinopel eine alte Griechin mit einem scharfen Gegenstand Flüssigkeit aus den Pockenbläschen eines Erkrankten in die Haut eines Gesunden übertrug. Die Lady schildert dies in einem Brief an ihre Freundin. Und vermutet darin, dass diese Übertragung wohl der Grund dafür sei, warum die fatale Pockenerkrankung bei den Bewohnern Konstantinopels teilweise recht harmlos verlaufe.

Ihren sechsjährigen Sohn ließ Lady Montagu noch vor Ort durch den Arzt der Botschaft impfen. Drei Jahre später, inzwischen war die Familie zurück in England, wurde auch die kleine Tochter geimpft, kurz bevor 1721 erneut eine tödliche Pockenepidemie durch das Land rollte. In England erregte die neue, in Teilen Asiens wohl schon seit Jahrhunderten praktizierte, Schutzmethode große Aufmerksamkeit.

Es gab Zustimmung aber auch Ablehnung. Schon 1722 etwa veröffentlichte der englische Arzt Legard Sparham eine Streitschrift mit dem Titel “Reasons against the practise of inoculating the Small-Pox.” Und in Frankreich sprach sich die medizinische Fakultät 1723, also nur wenige Jahre bevor Voltaire seine Briefe verfasste, vehement gegen die “nutzlose und gefährliche Praxis” der Pocken-Inokulation aus.

[Literatur: "Vaccine - the controversial story of medicine`s greatest lifesaver", A. Allen (2007), "History of immunology", A. Silverstein (1989)]

Ein Gedanke zu “Voltaire und die Pockenimpfung

  1. Schon erschreckend, wie akkurat Voltaire’s Aussagen die Impfdebatte auf dem Kontinent im Jahr 2013 widerspiegeln. Mit dem Unterschied, dass heutige Impfstoffe wirklich sicher sind, anders als die Pioniertaten. Aber was gleich bleibt: Anti-Impfer, die Eltern für verrückt erklären,weil sie ihre Kinder den “Risiken” und “Nebenwirkungen” der Impfung aussetzten – und dabei anscheinend lieber Masernepidemien in Kauf nehmen würden.

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