Neuer Grippeimpfstoff gesucht – Idee 1

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Influenza-Virus, Foto: Kat Masback
Influenza-Virus, Foto: Kat Masback

Grippeimpfstoffe sind gar nicht so wirksam, wie allgemein angenommen und berichtet wird. Die Werte schwanken zwar, aber laut einer umfangreichen Literaturstudie wird durch den inaktivierten Impfstoff bei Erwachsenen zwischen 18 und 64 Jahren durchschnittlich nur eine Schutzwirkung von 59 Prozent erzielt. (Das bedeutet: wenn von 1000 Ungeimpften 100 an der Grippe erkranken, erkranken von den Geimpften nur 41, also 59 weniger.) Bei älteren Menschen wirkt der Impfstoff wohl noch schlechter (die Studienlage ist zu dünn, um Genaueres zu sagen).

Eine Situation, die kaum zu akzeptieren ist, da es doch vor allem die Älteren sind, die mit den Komplikationen einer Grippe zu kämpfen haben. Gerade angesichts einer drohenden Grippepandemie sollte es wirksamere Impfstoffe geben, die junge und alte Menschen  schützen. Ob es hier vorangeht, wenn man den seit vielen Jahren beschrittenen Weg der Impfstoffproduktion im Hühnerei immer nur leicht verändert, ist fraglich. Gesucht werden vielmehr völlig neue Ideen und Ansätze zur Herstellung eines Impfstoffes, der bei der Körperabwehr einen tiefen, bleibenden Eindruck hinterlasst. Universalimpfstoffe, so die Hoffnung, würden eine Immunantwort gegen unveränderliche Merkmale des Grippevirus erzeugen und müssten daher nicht jedes Jahr erneut geimpft werden. Stattdessen würden sie viele Jahre vor verschiedenen Virusvarianten – Pandemieviren eingeschlossen – schützen.

Und es gibt sie, solche völlig neuen Impfstoffideen. Die erste, die ich in dieser kleinen Serie vorstellen möchte, stammt von Forschern zweier Friedrich-Löffler-Institute in Tübingen bzw. auf der Greifswald-Insel Riems [1]. (Mit im Boot sitzt die Firma CureVac GmbH, Heidelberg.) Die grundsätzliche Veränderung: nicht die Hüllproteine “HA” und “NA” sind im Impfstoff enthalten, sondern Boten-RNA-Moleküle, also die Bauanleitung für Virusproteine. Die mRNA wird im Labor aus dem Erbmaterial des Virus hergestellt. Sie sorgt – einmal unter die Haut gespritzt - dafür, dass die Syntheseapparate der Zellen des Geimpften die Virusmoleküle vorübergehend direkt vor Ort hergestellen.

Diese fremden Proteine lösten im Experiment an Mäusen, Frettchen und Schweinen eine kräftige Immunanwort gegen die Viren aus. Und es gelang, nicht nur die Antikörperproduktion gegen die Grippeviren anzukurbeln, wie das klassische Impfstoffe tun. Auch ein anderer wichtiger Arm der Immunabwehr wurde durch die RNA-Impfung aktiviert: die “T-Zellen”, die etwa virusinfizierte Zellen erkennen und beseitigen können. Mit Erfolg. In den Versuchen waren die Tiere nach der Impfung vor einer Ansteckung mit den Grippeviren geschützt. Die Mäuse sogar lebenslang!

Auch die Idee einer Universalimpfung scheint durch die Verwendung von RNA in greifbarer Nähe. Denn es können neben der RNA für verschiedene HA- oder NA-Proteine auch Bauanleitungen für Bestandteile des Virus geimpft werden, die sich nicht verändern, wie das so genannte Nukleoprotein oder der Ionenkanal M2. Gaben die Forscher die RNA für das Nukleoprotein mit in das Impfstoffgemisch, waren die Versuchstiere sogar vor mehreren Virusvarianten gleichzeitig geschützt. Eine Impfung müsste hier also nicht jede Saison neu aufgefrischt werden, um mit den Veränderungen des Virus mitzuhalten.

Einen weiteren wichtigen Vorteil hätte die Grippeimpfung mit RNA noch: die zeitaufwändige Produktion im Hühnerei würde wegfallen. Es müsste nicht schon mehrere Monate im Voraus, wie das aktuell geschieht, mit der Herstellung des Impfstoffes begonnen werden. (Der dann im schlimmsten Fall gar nicht mehr auf das ursprünglich anvisierte, sondern wegen seiner Wandlungsfreude nun schon wieder leicht veränderte, Virus trifft und auch deshalb nicht mehr so gut wirkt.) Darüber, ob  ein RNA-Impfstoff jedoch in großen Mengen und zu vertretbaren Kosten hergestellt werden kann, geben die Forscher in ihrem Paper keine Auskunft.

RNA-Impfstoffe gegen Infektionskrankheiten sind eine recht neue Idee. Bisher galt die Verwendung von RNA als ungeeignet, weil das Molekül sehr instabil ist, in Vorversuchen nach der Impfung rasch abgebaut wurde und keine nennenswerte Immunantwort auslöste. Der Trick jetzt: zur Stabilisierung wurde das Protein “Protamin” an die RNA geheftet. Der Impfstoff sei extrem haltbar und könne nach der Gefriertrocknung sogar mehrere Wochen ohne Kühlung aufbewahrt werden, schreiben die Forscher.

Das alles klingt vielversprechend. Nicht vergessen aber darf man, dass die Experimente bisher nur an Tieren durchgeführt wurden. Welche Wirkung eine solche RNA-Impfung beim Menschen hat, zeigt die Studie nicht. Einige klinische Studien mit RNA-Impfstoffen laufen zurzeit, die testen, ob es gelingt, das Immunsystem bei verschiedenen Krebserkrankungen gegen die Tumorzellen aufzubringen. Wie erfolgreich diese Tests verlaufen, wird auch einen Einfluss darauf haben, ob die RNA eine realistische Option für die Impfung gegen die Grippe oder andere Infektionskrankheiten werden wird.

[1] Nature Biotechnology, Volume 30,1210–1216 (2012)

 

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