Wir brauchen neue Grippeimpfstoffe

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Andreas Morlok pixelio.deDiese Studie ist aus mindestens zwei Gründen einfach spitzenmäßig. Zum einen hat sich noch nie jemand so intensiv mit dem Themen “Grippeimpfung” und ”Immunantwort gegen Influenza-Viren” beschäftigt, wie Michael Osterholm und ein Team vom “Center for Disease Research and Policy” (CIDRAP) von der University of Minnesota. Über 12.000 wissenschaftliche Artikel zum Thema wurden durchgesehen und die wesentlichen Erkenntnisse in einem Bericht zusammengestellt. Jeder, der sich mit den Grippeviren oder der Impfung beschäftigt, findet hier eine Fülle an wertvollen Information. Man kann sich den Bericht “The compelling need for game-changing influenza vaccines: an analysis of the influenza vaccine enterprise and recommmendations for the future” hier herunterladen.

Zum anderen führt der Bericht auf eindrucksvolle Weise vor Augen, wie nötig wir neue Grippeimpfstoffe brauchen. Nach der Auswertung zahlreicher Studien war den Minnesota-Autoren klar: Grippeimpfstoffe erzeugen einen geringeren Schutz vor Influenzaviren als allgemein berichtet und angenommen wird. Die Überschätzung der Wirksamkeit schadet nicht nur dem Vertrauen und damit der Impffreudigkeit in der Bevölkerung. Sie sei, so der Bericht, auch die größte Hürde dafür, neue wirksamere Impfstoffe zu entwickeln.

Passenderweise haben die Autoren dem Bericht dieses Zitat des amerikanischen Schriftstellers und Historikers Daniel Boorstin vorangestellt, das die Situation in der Grippeimpfstoffforschung prima beschreibt:

“The greatest obstacle to discovering the shape of the earth, the continents, and the oceans was not ignorance but the illusion of knowledge.”

Vor ein paar Tagen konnte man es bei uns in der Tageszeitung wieder einmal lesen. In einem Artikel über die Grippe wurde dazu aufgefordert, sich impfen zu lassen und die Wirksamkeit der Grippeimpfung mit 80 Prozent angegeben. Doch so hoch ist die Schutzwirkung bei weitem nicht. Sie liegt bezogen auf den inaktivierten Impfstoff bei 18 bis 64 Jahre alten Menschen bei durchschnittlich 59%! Wie gut dieser Impfstoff bei Kindern wirkt, ist widersprüchlich. Und inwieweit alte Menschen überhaupt davon profitieren, kann gar nicht gesagt werden, weil es für diese Altersgruppe zu wenig aussagekräftige Studien gibt. Der Lebendimpfstoff, der bei uns erstmals in dieser Saison für die Impfung von Kindern zugelassen ist (in den USA seit 2003), schneidet zumindest bei den 0,5 bis 7-Jährigen besser ab: er schützt diese Altersgruppe durchschnittlich zu zu 87%.

Nur wenn es in das Bewusstsein der Bevölkerung, von Ärzten, Pharmafirmen und Menschen im Gesundheitswesen rückt, dass das, was wir haben, noch lange nicht optimal ist, wird sich wirklich etwas ändern. Klasse finde ich dazu ein Statement von Gerd Antes, dem Direktor des Deutschen Cochrane Zentrums in Freiburg. Er hat es mir im Zusammenhang mit einem Text, den ich für die FAS zum Thema geschrieben habe, gegeben.

“Was zurzeit im kanadischen British Colubia abläuft, wo die Regierung die Angestellten im Gesundheitswesen dazu zwingt, Gesichtsmaske und eine Markierung zu tragen, wenn sie nicht gegen die Grippe geimpft sind, ist typisch für das bisherige Vorgehen. Statt präzise und verständlich über die Qualität zu informieren, das Produkt zu verbessern und zu überzeugen, erzwingt man die Impfung.”

Leider machen sich auch Impfgegner Studien wie den Bericht aus Minnesota zu eigen und sagen, wenn die Impfstoffe sowieso nicht so gut wirkten, brauche man sich doch gar nicht impfen zu lassen. Dieser Argumentation kann ich nun gar nicht folgen. Natürlich wird es etwas bringen, die Körperabwehr durch eine ausgewogene Ernährung und Bewegung an der frischen Luft zu unterstützen, was die Kritiker als Alternative zur Impfung anbieten. Auch kann die Ansteckungsgefahr durch gründliches Händewaschen verringert werden. Doch mit den aktuellen Grippeimpfstoffen lässt sich – zumindest in der Altersgruppe bis 65 - das individuelle Risiko, eine Influenza zu bekommen, immerhin halbieren. Besser als gar nichts, aber absolut verbesserungswürdig, vor allem im Hinblick auf eine drohende Pandemie. Ideen für wirksamere Impfstoffe, die sich gegen unveränderliche Merkmale des Virus richten, gibt es bereits. So eine Universalimpfung müsste nicht in jedem Jahr neu gegeben werden, weil sie vor vielen Varianten des wandlungsfreudigen Virus schützen würde. Ich werde auf “IMMUN” immer einmal wieder über solche neuen Grippeimpfstoff-Ideen berichten.

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