Impfstoffwirkung mal anders

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Christine S Benn smallChristine Stabell Benn vom dänischen Research Center for Vitamins and Vaccines am Statens Serum Institut ist eine der wenigen Forscherinnen weltweit, die sich mit den Gesamteffekten von Impfstoffen auf das Immunsystem beschäftigen. Für einen Artikel in der „Neuen Zürcher Zeitung“ habe ich mit der Epidemiologin über „Nichtspezifische Impfwirkungen“ gesprochen. Ein wichtiges Thema, das Wissenschaftler aus Sorge vor impfkritischen Stimmen nicht gerne ansprechen.

Frage: Wie kam es dazu, Frau Stabell Benn, dass Sie sich für das Thema “Nichtspezifische Impfwirkungen” interessieren?

Stabell Benn: Die Geschichte begann 1978 als der dänische Anthropologe Peter Aaby nach Guinea-Bissau kam, um die Ursachen der Unterernährung dort zu erforschen. Peter und sein Team untersuchten Kinder in städtischem Umfeld. Im Folgejahr boten sie an, alle zu Hause lebenden Kinder dort mit einem Masernimpfstoff zu versorgen. Aaby und seine Mitarbeiter beobachteten, dass die Sterberate infolge um ein Drittel nach unten ging. Da Masern in der Region nur für rund 10 bis 15% aller Todesfälle verantwortlich waren, schien der Masernimpfstoff vor mehr als nur vor den Masern geschützt zu haben. Diese Beobachtung führte zu einer Serie von Studien über die Effekte von Routineimpfungen auf die Gesamtsterblichkeit.

Impfstoffe werden vor ihrer Zulassung nur auf die spezifischen Effekte gegenüber  der Zielkrankheit getestet. Keiner plagt sich damit herum, die Effekte auf die Gesamtsterblichkeit zu untersuchen – das wird als nicht notwendig betrachtet in einer Welt, die glaubt, Impfstoffe hätten nur spezifische Effekte. Was unsere Forschungsgruppe nun gezeigt hat, ist, dass all diese Routineimpfungen nicht nur Effekte auf die Zielkrankheit haben – sie beeinflussen außerdem die Anfälligkeit für andere Erkrankungen. Die Lebendimpfstoffe gegen Masern und Tuberkulose (BCG) verringern die Anfälligkeit für andere Infektionskrankheiten, besonders bei Mädchen. Die inaktiverte Diphtherie-Tetanus-Pertussis (DTP)-Vakzine erhöht die Gesamtsterblichkeit, wieder besonders bei Mädchen. All diese Effekte werden sichtbar, so lange der untersuchte Impfstoff derjenige ist, der als letzter verabreicht wurde, sein Effekt also nicht durch einen anderen Impfstoff umgekehrt werden kann. In historischen Studien haben wir gezeigt, dass auch der Pockenimpfstoff (ein Lebendimpfstoff) sehr nützliche unspezifische Effekte hatte.

Frage: Es gibt nicht sehr viele andere Forschungsgruppen weltweit, die sich mit dem Thema beschäftigen. Liege ich da richtig und falls ja, was sind die Gründe für diese Zurückhaltung?

Stabell Benn: Das Konzept der nichtspezifischen Effekte wird sehr kontrovers gesehen, weil es den gegenwärtigen Annahmen über Impfstoff widerspricht. Wie schon gesagt, wurden Impfstoffe eingeführt, ohne sich vorher mit den Gesamteffekten zu beschäftigen. Sie wurden nur auf ihre Fähigkeit hin getestet, einen spezifischen Schutz zu erzeugen (Antikörper oder klinischer Schutz vor der Zielkrankheit). Wenn ein Impfstoff erst einmal in den Routineimpfplan aufgenommen ist, wird es schwierig, das überhaupt noch zu testen. Es wäre ethisch nicht vertretbar, einige Kinder nicht zu impfen. Daher setzen wir auf Beobachtungsstudien und vergleichen geimpfte mit ungeimpften Kindern. Ganz klar kann es abseits der Impfung auch noch viele andere Unterschiede zwischen diesen Kindern geben. Zum Beispiel zögern afrikanische Mütter, kranke Kinder zu impfen. Das bedeutet, dass die Kinder, die am besten gedeihen, meist diejenigen sind, die zuerst geimpft werden. Andere Faktoren, die Einfluss nehmen, sind Bildung oder die Nähe zu medizinischen Zentren. Beobachtungsstudien haben daher die Tendenz, einen Impfstoff nützlicher aussehen zu lassen, als er tatsächlich ist.

Manchmal hat es aber “natürliche Experimente” gegeben. Zum Beispiel wenn ein gewisser Impfstoff eine Zeitlang in einer Region nicht verfügbar ist. Das ermöglicht dann bessere (more unbiased) Vergleiche. Immer und immer wieder haben wir gefunden haben, dass Lebendimpfstoffe (BCG, Masern) mit stärkerem Nutzen verbunden sind, als allein der spezifischen Schutzwirkung zugeschrieben werden kann. In Beobachtungsstudien kann dies zum Teil durch die Tatsache erklärt werden, dass die gesündesten Kinder ohnehin zuerst geimpft werden. Aber wir haben diese Beobachtungen auch in randomisierten Studien bestätigen können.

Beunruhigenderweise fanden wir eine Assoziation der inaktivierten DTP-Vakzine mit einer erhöhten Sterblichkeit der Mädchen, sogar trotz des Bias, der die geimpften Kinder begünstigt. Unser Team hat auch Jungen und Mädchen verglichen, die mit demselben Lebendimpfstoff geimpft wurden und durchgehend gefunden, dass Mädchen bezogen auf diesen Impfstoff eine niedrigere Mortalität als Jungen haben.

Warum andere Forscher sich wenig mit dem Thema beschäftigen, liegt wohl einerseits an der Kontroverse um das Thema. Außerdem haben nur wenige einen Zugang zu wirklich guten Daten über den Impfstatus. Exakte Angaben über den Zeitpunkt der Impfung sind notwendig, um die Effekte der jüngsten Impfung anzuschauen.

Frage: Was ist Ihrer Meinung nach die vielversprechendste Erklärung für die zusätzlichen, nützlichen Effekte der Lebendimpfstoffe?

Stabell Benn: Eine niederländische Gruppe aus Nijmegen hat kürzlich gezeigt, dass die BCG-Impfung die erste zelluläre Verteidigungslinie der Immunabwehr, die Monozyten, dazu bringen kann, besser auf komplett andere Pathogene zu reagieren (“Kleinnijenhuis et al, PNAS 2012“). Ich denke, das könnte gut erklären, warum die BCG-Impfung Neugeborene davor schützen kann, an einer Sepsis oder Infektion der Atemwege zu sterben. Diese unspezifische Training könnte letztlich auch die unspezifischen, nützlichen Effekte anderer Lebendimpfstoffe erklären.

Frage: Könnte es nicht dem ein oder anderen zu riskant sein, über nichtspezifische Effekte von Impfstoffen zu spekulieren, weil das Impfgegner anspornen könnte, zu sagen: “Schaut mal, Impfstoffe sind gar nicht so spezifisch wirksam, wie immer behauptet wird. Wenn es nützliche unspezifische Effekte gibt, gibt es sicherlich auch ungünstige Nebenwirkungen.” Was denken Sie darüber?

Stabell Benn: Ich stimme zu, es ist riskant. Den Impfgegnern sage ich, dass Lebendimpfstoffe offenbar mehr können, als man bisher angenommen hat. Sogar in Dänemark, wo Kinder glücklicherweise sehr selten an Infektionen sterben, ist die stark angefeindete MMR-Impfung assoziiert mit einem hochsignifikant reduzierten Risiko wegen Infektionen ins Krankenhaus eingeliefert zu werden (“JAMA 2014“). Also gibt es Gründe genug, die Kinder dagegen impfen zu lassen.

Gleichzeitig unterstreichen unsere Arbeiten, dass Impfstoffe auf ihre Gesamteffekte hin untersucht werden sollten. Das ist teuer und häufig schwer. Es könnte sich zeigen, dass einige Impfstoffe negative Effekte haben. Wie auch immer, wenn das ein Risiko ist, dürfen wir es nicht ignorieren. Wir sollten herausfinden, woran es liegt. Kürzlich gab es einen ausgezeichneten Artikel im “New Scientist”. Ich mochte auch das Editorial, indem gesagt wurde, dass “Schweigen nicht Gold” ist, wenn es um Impfstoffe geht. Es ist wichtig, das Vertrauen der Menschen zu gewinnen. Wir Forscher und Politiker müssen transparent sein und aktiv werden, wenn es einen Verdacht gibt, dass ein Impfstoff negative Effekte haben könnte.

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