Leben mit dem neuen Organ

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Es geht um Leben und Tod. Das wird einem schon auf den ersten Seiten des Buches „Leben“ von David Wagner klar. Der Berliner Autor leidet seit seiner Kindheit an einer chronisch-aggressiven Autoimmunhepatitis. Das Immunsystem schätzt die eigene Leber als “fremd” ein und zerstört sie nach und nach. Das Lebergewebe vernarbt, verschrumpelt, die Leistung des Organs nimmt ab. Der Blutdruck in der Pfortader, die nährstoffreiches Blut in die Leber transportiert, steigt. Krampfadern in der Speiseröhre bilden sich, tickende Zeitbomben.

Bei Wagner platzen sie eines Abends, er ist allein in der Wohnung. Das Blut in der Badewanne, der Notarzt, der Klinikaufenthalt und vor allem der Arzt, der den Berliner Schriftsteller seit langem begleitet, bringen Wagner dazu, eine Transplantation zu wagen und sich auf die Warteliste setzen zu lassen. „Die Absurdität dieser Situation war mit bewusst: Wann, dachte ich, kann ein Mensch sich schon mit einer Unterschrift für ein mögliches Weiterleben entscheiden?“, schreibt er auf Seite 89 seines Buches (David Wagner: „Leben“, Rowohlt Verlag GmbH Hamburg, 2. Auflage, März 2013).

Trotz seines Entschlusses fragt sich der 1971 geborene Wagner auch danach immer wieder, ob er nicht noch viel zu gesund für eine Transplantation sei und nicht lieber noch eine Weile so weitermachen solle. Der herbeigesehnte und gleichzeitig gefürchtete Anruf kommt. Ein passendes Organ ist gefunden, doch David Wagner lehnt ab. Es ist mitten in der Nacht, seine Tochter schläft, irgendwie passt es gerade nicht. Beim zweiten Anruf einige Zeit später ergreift der Autor die Rettungsleine und erhält im Berliner Virchow-Klinikum ein neues Organ. Doch „neu“ ist relativ: „- was aber heißt neu, neue Organe sind immer gebrauchte Organe, Organe von Toten ..“ (Seite 88).

Ich kann die Lektüre dieses Buches, das 2013 mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet wurde, aus mehreren Gründen empfehlen. Da sind zum einen die Einblicke in die Gedanken eines Betroffenen über die Transplantation an sich. Erst der plötzliche Tod eines anderen Menschen bedeutet für Wagner die Chance auf ein Weiterleben. Als die fremde Leber gut im eigenen Körper funktioniert, fragt er sich immer wieder, von wem sie wohl stammen könnte. “Hattest Du vielleicht einen Kopfhörer im Ohr? Welches Lied lief als zu die stark befahrene Straße hinuntergeradelt bist? .. Und meine Ohrwürmer, kommen die jetzt von Dir?” (Seite 188).

Was macht eine Transplantation mit einem Menschen? Die Leber ist beim Erwachsenen mit ihren bis zu 1,8 Kilogramm nicht nur eine stattliche Verdauungsdrüse und das wichtigste Entgiftungsorgan. Sie speichert Vitamine und stellt die Ausgangsprodukte für die Hormonsynthese her. Mit dem neuen Organ ist der Mensch nicht mehr der, der er vorher war. Ich bin jetzt eine Chimäre. .. Ich habe nun Proteine im Blut, die ich vorher nicht hatte, weil meine eigene Leber sie nicht mehr oder noch nie produzieren konnte, also könnte ich Gefühle haben, die ich noch nicht oder nicht mehr kenne.“ (Seite 163)

So ganz nebenbei (und durch die Einbindung in die persönliche Geschichte gar nicht dröge) erfährt man als Leser auch einige interessante Fakten rund um das Thema (Leber)Transplantation. Die erste Lebertransplantation hat etwa vor 50 Jahren (1963) in Denver stattgefunden. Der amerikanische Chirurg Thomas Starzl hatte das Prozedere vorher unzählige Male an Hunden ausprobiert. Und nicht die technischen Aspekte der Transplantation machten die Operation in den folgenden Jahren höchst problematisch, sondern die Abstoßungsreaktion des Immunsystems.

Erst mit der Einführung von Medikamenten, die das Immunsystem unterdrücken, wurde der Weg frei für ein längeres Überleben nach dem Eingriff. Das Ciclosporin wurde 1978 zum ersten Mal bei einer Transplantation verwendet. Wagner selbst schluckt zweimal am Tag das Immunsuppressivum Tacrolimus, das ursprünglich in Japan in einem Bodenbakterium entdeckt wurde und den zellulären Arm der Immunabwehr, die T-Zellen, hemmt.

Doch auch an dieser Stelle wird deutlich, wie schmal der Grat zwischen Leben und Tod wirklich ist. Tacrolimus ermöglicht ein Überleben des gespendeten fremden Organs in Wagners Körper, weil die Immunabwehr ausgebremst wird. Gleichzeitig steigt für ihn das Risiko, später einmal an Krebs zu erkranken. Die zelluläre Immunabwehr ist eine Art Tumorüberwachung, sie erkennt bei ihren Erkundungsgängen durch den Körper auffällige Zellen und zerstört diese, (in der Regel) bevor sie sich zu einem Tumor entwickeln können. „.. Also ist die Sonne jetzt mein Feind. Es gibt Statistiken, nach denen ein Drittel aller transplantierten an Hautkrebs stirbt. Möchte ich eigentlich nicht wissen..“ (Seite 195).

 Auch bei der Ernährung und sonst im Alltag fordert die immunsupressive Therapie ihren Preis. Keimarme Kost muss auf den Tisch: „Ich lerne, was ich alles nicht mehr essen darf: Rohes, Ungeschältes, alles aus der Erde. Nie wieder Salat. Am besten überhaupt nur Abgepacktes, Tiefgekühltes oder sonstwie haltbar Gemachtes.“ (Seite 240) Wegen der Ansteckungsgefahr sollten große Menschenansammlungen gemieden werden. Wagners neue Leber funktioniert gut, nach langen zähen Aufenthalten in Krankenhaus und Reha wird er entlassen. Ein Rückschlag dann durch Cytomegaloviren, die Menschen mit geschwächter Immunabwehr zu schaffen machen können.

Die Kräfte und die Geduld schwinden. Wagner hat keine Lust mehr aufs Krankenhaus, keine Lust mehr auf das Leben. “Die Euphorie des Überlebens … hält leider nicht an. Die schrecklichen, endlosen, leeren, verzweifelten Tage, sie kommen wieder.. ” (Seite 263). Von ihm erfahren wir, dass ein Fünftel der Lebertransplantierten das erste Jahr nicht überleben. Er aber wird es. Doch wofür lohnt es dieses Leben? Warum leben wir? Fragen, die ich mir bei der Lektüre unweigerlich auch selbst gestellt habe. Womit verbringe ich meine (Lebens)Zeit? Wofür kann ich dankbar sein? Was Wagner durch die schweren Tage trägt, blitzt in seinen 277 Notizen, aus denen das Buch besteht, immer wieder kurz und am Ende sehr deutlich auf. Es ist das ganz Alltägliche, der Baum vor dem Krankenhausfenster, es sind die Begegnungen mit Menschen, die Beziehungen, die Erinnerungen, die Liebe. Es ist die Stimme seiner Tochter, die ihn am Telefon schließlich fragt (Seite 283): „Papa? Kommst du bald nach Hause?“

 

photo credit: <a href=”http://www.flickr.com/photos/23065375@N05/2234743247/”>thinkpanama</a> via <a href=”http://photopin.com”>photopin</a> <a href=”http://creativecommons.org/licenses/by-nc/2.0/”>cc</a>

 

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