Das Mikrobiom in Festtagsstimmung

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medium_4075678147In der Advents- und Weihnachtszeit herrscht oft der kulinarische Ausnahmezustand. Wer bei Plätzchen, Torte und Gänsebraten so richtig zulangt, wird zu Beginn des neuen Jahres womöglich das ein oder andere Kilo mehr auf die Waage bringen. Neben dieser offensichtlichen körperlichen Veränderung geschieht noch etwas anderes. Auch die Bakteriengemeinschaft im Verdauungstrakt reagiert prompt. Einige Bakterienarten verabschieden sich, wenn all zu viel Fettes und Süßes verdaut werden muss. Andere Bakterien fühlen sich geradezu in Festtagsstimmung, vermehren sich oder finden sich sogar ganz neu in der Gemeinschaft ein.

Lawrence David und eine Forschergruppe von der Harvard University in Cambridge haben erst vor Kurzem herausgefunden, dass das Mikrobiom rasch auf Änderungen im Speiseplan reagiert [1]. Zum Beispiel bei 10 Testpersonen, die von einem vielfältigen bzw. sogar vegetarischen Ernährungsstil für fünf Tage auf eine Speisefolge umstiegen, die überwiegend Fleisch, Käse und Eier enthielt. Sobald die einseitige und fette Nahrung den Darm erreichte, tauchten bei der Analyse vermehrt solche Bakterien auf, die tolerant gegenüber der Gallenflüssigkeit sind, wie zum Beispiel Alistipes, Bilophila und Bacteriodes. (Fette Speisen erfordern die verstärkte Produktion von Gallensäuren.) Bakterien, die dagegen pflanzliche Polysaccharide verdauen können, wie Roseburia, Eubacterium rectale und Ruminococcus bromiia verschwanden von der Bildfläche.

Ernährte sich eine zweite Testgruppe hauptsächlich von Getreide, Früchten, Obst und Hülsenfrüchten gab es nur leichte Veränderungen im Mikrobiom. Beeinflusste die fette, tierische Kost 22 untersuchte Bakteriengruppen, waren beim Umstieg auf die rein pflanzliche Ernährung nur 3 Cluster betroffen. Bei ihren Untersuchungen entdeckten die Forscher auch verschiedene Gäste, die als Passagiere mit Obst, Gemüse oder Käse den Verdauungstrakt bereisen. Neben einigen Bakterienarten waren dies Pilze (etwa Candida, Penicillium) und Pflanzenviren, wie das Rubus Chlorotic Mottle Virus, das Spinatpflanzen infiziert (für den Menschen aber ungefährlich ist).

Aus meiner Sicht ist das “Mikrobiom” eines der Wörter, die in der wissenschaftlichen Berichterstattung in diesem Jahr besonders häufig genannt wurden. In der Datenbank PubMed tauchte das “Microbiome” allein in 2991 Artikeln auf, 2010 waren es noch 949 Zitierungen zum Thema. Der Mensch braucht die Bakterien aus verschiedenen Gründen. Zum Beispiel, um die Nahrung aufzuschließen. Stimmt etwas mit der Community nicht, kann das offenbar die Entstehung von Krankheiten begünstigen, wie zum Beispiel Diabetes, Reizdarm, Übergewicht, Autoimmunerkrankung und Darmkrebs.

Unklar war bisher, wie rasch sich ein Wechsel im Essverhalten auf die Zusammensetzung des Mikrobioms auswirkt. Daher ist die aktuelle Forschungsarbeit besonders spannend. Der Mensch kann sich offenbar schnell an ein verändertes Nahrungsangebot anpassen, um daraus einen optimalen Gewinn an Nährstoffen zu erzielen. Das ist beunruhigend und beruhigend zugleich. Eine einseitige, ungesunde Ernährung kann die Bakteriengemeinschaft negativ beeinflussen, eine Nahrungsumstellung dafür aber ebenso rasch ein gesundes Gleichgewicht wiederherstellen. (Aber Achtung: so ganz genau weiß man noch nicht, welche Bakterienarten im Einzelnen ein “gesundes” Mikrobiom auszeichnen!)

Wer nach den Festtagsfreuden wieder auf eine vielfältige Kost umsteigt, die reich an Gemüse und Obst ist (UND vom Sofa aufs Fahrrad!) wird sein Gewicht und das Mikrobiom wieder auf den Normalzustand bringen können.

[1] http://www.nature.com/nature/journal/vaop/ncurrent/full/nature12820.html

 

photo credit: <a href=”http://www.flickr.com/photos/ana_fuji/4075678147/”>Ana_Fuji</a> via <a href=”http://photopin.com”>photopin</a> <a href=”http://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/2.0/”>cc</a>

 

 

 

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