Doch keine Heilung?

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medium_75148497Bei dem Versuch HIV-Infektionen zu heilen, hat es einen Rückschlag gegeben. Das zumindest berichten in diesem Monat einige Zeitungen: ”HIV virus returns after cure hope rose” (im Boston Globe), “Hopes of HIV cure in ‘Boston patients’ dashed” (in den Nature News), ”Two famously ‘cured’ Boston HIV sufferers are found to STILL have the virus ‘hiding’ in their blood” (Daily Mail) und  ”Boston-Patienten: Doch keine Heilung von HIV” (Pharmazeutische Zeitung). (Wer nachlesen möchte, findet die Links am Ende dieses Textes.)

Der Hintergrund: bei zwei HIV-Patienten in Boston, denen man wegen einer Leukämie 2008 bzw. 2010 Knochenmark transplantiert hatte, war das Virus zunächst verschwunden. Auf den Vorschlag der Ärzte hin, nahmen die Patienten ab dem Frühjahr 2013 keine antiviralen Medikamente mehr ein.

Noch im Juli dieses Jahres äußerten die behandelnden Ärzte Timothy Henrich und  Daniel Kuritzkes vom Brigham and Women’s Hospital in Boston die Hoffnung, dass beide Patienten geheilt seien. Bereits im August tauchte das Virus zunächst bei dem einen, wenig später (im Oktober nach insgesamt acht Monaten ohne antivirale Medikamente) auch bei dem anderen HIV-Patienten wieder auf. Offenbar waren durch die Transplantation zwar zunächst alle HIV-infizierten Immunzellen der Erkrankten beseitigt worden. Aus ihren (noch unbekannten) Verstecken im Körper gelangten die Viren dann wieder in die Blutbahn, wo sie die Immunzellen des Spenders infizierten.

Wer nur die Schlagzeilen der aktuellen Berichte über die fehlgeschlagenen Heilungsversuche liest, könnte etwas verpassen. Denn erst im Laufe der Lektüre erfährt der Leser genauere Details über die Behandlung der Boston-Patienten. Sie lässt sich nicht mit derjenigen des “Berliner Patienten” vergleichen, der als der erste geheilte HIV-Infizierte überhaupt gilt. Die Stammzellen aus dem Knochenmark, die der HIV-positive Timothy Ray Brown im Februar 2007 an der Charite in Berlin erhielt, waren nämlich unempfindlich für die Infektion mit den meisten HIV-Stämmen.

Wegen einer Mutation fehlte diesen Spenderzellen das CCR5-Protein auf der Oberfläche von Immunzellen, das die HI-Viren als Corezeptor brauchen, um in die Zelle eindringen zu können. Brown nimmt seit der Transplantation keine Medikamente mehr ein und gilt als geheilt. Die Spenderzellen, die die Boston-Patienten erhielten, hatten keine Mutation im CCR5-Gen. Daher verwundert es kaum, dass das Virus nach einer gewissen Sammlungs-und Vermehrungsphase wieder von den Labortests aufgespürt wurde.

Eine Knochenmarktransplantation zur Heilung einer HIV-Infektion ist aber sowieso eher eine Verzweiflungstat angesichts zweier lebensbedrohlicher Erkrankungen (Blutkrebs und HIV-Infektion) als ein realistischer Ansatz, um viele HIV-Infizierte zu therapieren. Die Behandlung selbst ist lebensbedrohlich, teuer und nur einer kleinen Patientengruppe vorbehalten. Ungefähr ein Prozent der mitteleuropäischen Bevölkerung hat eine Mutation im CCR5-Gen und kommt daher rein theoretisch für eine heilende Behandlung in Frage. Hier den richtigen Spender zu finden, ist eine Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen. Im Falle von Timothy Brown etwa hatte man weltweit 232 HLA-identische Spender ausgemacht. 80 davon tauchten in der deutschen Stammzellenspenderdatei auf, einer davon trug die rettende CCR5-Mutation.

Andere Heilungsansätze machen mehr Sinn. Etwa die Verkleinerung des Virusreservoirs im Körper der Infizierten durch eine sehr frühe antivirale Therapie oder/und neuer (noch in klinischen Tests befindlicher) Wirkstoffe, die die Viren aus ihrem Versteck locken sollen. Ein gentherapeutisches Ausschalten des CCR5 wird ebenfalls kleinen klinischen Studien getestet.

Boston Globe: http://www.bostonglobe.com/lifestyle/health-wellness/2013/12/05/hiv-virus-returns-after-cure-hope-rose/kSUyH1YkgJ27AP4aZwpUXJ/story.html

Nature News: http://www.nature.com/news/hopes-of-hiv-cure-in-boston-patients-dashed-1.14324

Daily Mail: http://www.dailymail.co.uk/news/article-2519737/Two-famously-cured-Boston-HIV-sufferers-STILL-virus-hiding-blood.html

Pharmazeutische Zeitung: http://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=49979

 

photo credit: <a href=”http://www.flickr.com/photos/london/75148497/”>jonrawlinson</a> via <a href=”http://photopin.com”>photopin</a> <a href=”http://creativecommons.org/licenses/by/2.0/”>cc</a>

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