Tricks

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8411599236_9c1814cbf7_z“Tricks” heißt einer der neueren Erzählungsbände von Alice Munro. Zwar soll es hier eher um Viren gehen als um Literatur. Aber bei den “Tricks”, mit denen Viren der Immunabwehr entwischen, fällt mir einfach die kanadische Autorin ein. Und ich möchte nicht versäumen, meine Begeisterung für sie kundzutun :) . Ihre Texte sind einfach wunderbar! Mit psychologischem Feingefühl beobachtet Munro das menschliche Miteinander und schildert ihre Wahrnehmungen in einer meisterhaften Sprache. Also: unbedingt lesen!

Von der Literaturnobelpreisträgerin zum Immunsystem. Der neu entdeckte Trick von Grippeviren, um den es hier gehen soll, setzt ausgerechnet am immunologischen Gedächtnis an. Die Körperabwehr bildet nach dem Kontakt zu Krankheitserregern Gedächtniszellen (B-Zellen), die sich bei einer erneuten Begegnung “erinnern” und rasch Antikörper gegen die Eindringlinge produzieren. Das kann Viren oder Bakterien daran hindern, sich im Körper niederzulassen und Schäden anzurichten. Auch nach dem Kontakt zu Grippeviren werden solche Gedächtniszellen in den Lymphknoten und an anderer Stelle im Körper aufbewahrt und bei Bedarf aktiv.

Gedächtniszellen, die Antikörper gegen Grippeviren bilden können, finden sich auch im Lungengewebe. Das ist ein besonders wichtiger Standort, weil er sich in unmittelbarer Nähe zur Eintrittspforte der Viren befindet. Was genau passiert, wenn die Viren an dieser Stelle auf ihre passenden Immunzellen treffen, war bisher unbekannt. Stephanie Dougan und andere Forscher des Whitehead Institute for Biomedical Research in Cambridge, Massachusetts, haben sich die Sache jetzt im Mausmodell genauer angeschaut.tricks-alice-munro

Die in der Lunge stationierten B-Zellen, die Antikörper gegen die Grippeviren produzieren können, sind im ersten Moment der Begegnung laut Dougan ganz und gar keine Hilfe. Im Gegenteil. Diesen B-Zellen ergeht es wie einem Detektiv, der das Fahndungsfoto eines Verbrechers dermaßen offensichtlich mit sich herumträgt, dass der Gesuchte selbst auf den Detektiv aufmerksam wird und diesen schnell ausschaltet.

Die Erkennung erfolgt im Falle der Grippeviren über die Antikörper, die die Gedächtniszellen auf ihrer Oberfläche tragen. Antikörper mit der gleichen Erkennungsstruktur werden später, nach der Aktivierung der B-Zelle, massenhaft in löslicher Form freigesetzt. Treffen die Grippeviren nun auf “ihre” B-Zellen, nutzen sie die mit dem Hämagglutinin reagierenden membranständigen Antikörper aber, um sich Zutritt zur B-Zelle zu verschaffen.

Innerhalb kürzester Zeit produzieren die Immunzellen nun neue Viruspartikel statt schützender Antikörper. Bereits nach 18 Stunden, so zeigen es die Versuche, sterben die infizierten Immunzellen und eine Abwehrlücke direkt an der Vireneintrittspforte entsteht. Dies kann ein wichtiger Vorteil für die Viren sein, die sich vor Ort rasch vermehren, bis andere Abwehrzellen herbeieilen und aktiv werden.

Nach Ansicht der amerikanischen Forscher könnten nicht nur die Grippe- sondern auch andere Viren, dem immunologischen Gedächtnis auf diese Weise ein Schnippchen schlagen. Impfstoffforscher dürften sich für die neue Entdeckung besonders interessieren. Sie sind für die Neu- oder Weiterentwicklung von Impfstoffen ständig auf der Suche nach geeigneten Molekülen, die eine schützende Immunantwort hervorrufen. Im Falle der Grippe wäre es womöglich sinnvoll, dabei auch an jene Bestandteile im Inneren der Viruspartikel zu denken, die die Influenza-Viren für ihre Vermehrung brauchen. Und sich nicht nur auf jene zu konzentrieren, wie das Hämagglutinin, über die die Viren die Körperzellen erst erobern. Womöglich wären solche Impfstoffe effektiver.

(Foto: H1N1 Influenzavirus Partikel, Quelle NIAID)

 

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