Neuer Impfstoff gegen Borreliose

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5661846104_db15aeabbf_zEin neuer Impfstoff gegen Borrelia burgdorferi schützt in ersten klinischen Tests gut vor einer Ansteckung mit den Bakterien, die die gefürchtete Borreliose verursachen können. Ich habe darüber vor ein paar Tagen in der NZZ berichtet. Bei der Recherche für den Artikel sprach ich mit Reinhard Wallich vom Institut für Immunologie der Universität Heidelberg. Wallich beschäftigt sich schon seit vielen Jahren mit Borrelien und kennt die Gründe, warum in den USA ein Borreliose-Impfstoff zwar zugelassen, aber auf dem Markt nicht verfügbar ist.

Frage: Ist man nach einer Infektion mit Borrelien eigentlich immun gegen die Bakterien?

Wallich: Nein, und zwar aus zwei Gründen. Zum einen gibt es viele verschiedene Borrelienvarianten und es ist eher unwahrscheinlich, dass man sich mehrmals in Folge mit dem gleichen Typ infiziert. Außerdem reichen die im Verlauf einer Infektion gebildeten Antikörper in der Regel nicht aus, um Schutz vor einer erneuten Ansteckung zu gewährleisten. Anders könnte es vielleicht bei Menschen aussehen, die sehr häufig mit Zeckenbissen zu tun haben, wie etwa Waldarbeiter. Man vermutet, dass durch den wiederholten Kontakt mit den Borrelien dann ein breites Antikörperspektrum gebildet wird, was möglicherweise vor einer erneuten Ansteckung schützen. Aber das ist bisher nicht zweifelsfrei nachgewiesen.

Frage: Brauchen wir überhaupt einen Borreliose-Impfstoff? Kritiker führen an, die Bakterien ließen sich gut mit Antibiotika bekämpfen und in der Regel verlaufe eine Erkrankung glimpflich ab.

Wallich: Für einen Impfstoff sprechen die hohen Erkrankungszahlen. In Deutschland verzeichnen wir aktuell 80.000 bis 100.000 Neuerkrankungen pro Jahr. Außerdem braucht es einen erfahrenen Arzt, der bei untypischen Verlaufsformen (wenn etwa das charakteristische Erythema migrans nicht ausgeprägt war oder übersehen wurde) eine Borreliose richtig diagnostizieren kann. Nur wenn eine Infektion früh erkannt  und behandelt wird, ist eine Antibiotikatherapie in jedem Fall erfolgreich. Aber auch in späten Stadien der Erkrankung können die Borrelien mit Hilfe von Antibiotika ausreichend bekämpft werden. Sind jedoch schon Schäden beispielsweise am Nervensystem aufgetreten, lassen diese sich oftmals nicht wieder rückgängig machen. Schmerzen und Ausfälle können bestehen bleiben, auch wenn die Borrelien längst aus dem Körper verschwunden sind.

Frage: Wodurch unterscheidet sich der neue Impfstoff von dem, der in den USA bereits zugelassen ist?

Wallich: Der neue Impfstoff ist polyvalent, d.h er richtet sich gegen verschiedene human-pathogene Borrelia Typen, die weltweit bedeutsam sind. Bei dem US Impfstoff “Lymerix” handelte es sich dagegen um einen monovalenten Impfstoff, der vor einer Infektion mit der einzigen in den USA vorkommenden Variante von Borrelia burgdorferi schützt.

Frage: Warum hat der Hersteller von Lymerix den Impfstoff vor elf Jahren vom amerikanischen Markt genommen?

Wallich: Die Ursachen waren recht undurchsichtig. Aus Untersuchungen an Tiermodellen hatte es Hinweise gegeben, der Impfstoff könne unter gewissen experimentellen Umständen zu Autoimmunerkrankungen führen. Ein Molekülabschnitt des verwendeten Oberflächenproteins der Borrelien, das OspA, ähnelt einem Bereich dem menschlichen LFA-1. Inzwischen ist das aber kein Thema mehr. Die Vermutungen wurden wissenschaftlich widerlegt [*]. Dennoch kam damals in den USA eine große Verunsicherung auf, die zu einem dramatischen Rückgang der Impfzahlen führte.

Auch wurden Schadenersatzklagen gegen den Hersteller wegen angeblicher Nebenwirkungen erhoben. Das alles hatte den Hersteller letzlich bewogen, den Impfstoff vom US Markt zu nehmen. Der Impfstoff ist jedoch weiterhin in den USA von den Aufsichtsbehörden zugelassen, da ernsthafte Nebenwirkungen nicht nachgewiesen werden konnten. Interessanterweise wurde von dem Anbieter des polyvalenten Impfstoffes nun das angeblich Autoimmunkrankheiten auslösende Peptidstück im neuen Impfstoff entfernt. Eine Entscheidung, die wahrscheinlich aus verkaufstechnischen Gründen getroffen wurde.

Frage: Gibt es noch andere Ansätze, um mit Impfungen gegen die Borreliose vorzugehen?

Wallich:  Einige neue Ansätze zielen nicht direkt auf die Borrelien ab, sondern nutzen Speichelproteine von Zecken als Impfstoff. Da es sich bei der Borreliose um eine Zoonose handelt, also um eine von einem Vektor (Zecke) übertragenen Krankheit, hofft man durch die Störung des Saugvorgangs auch die Übertragung der Erreger zu unterbinden. Eine Immunität gegen Speichelproteine könnte eventuell dazu führen, dass die gebildeten Antikörper die Zecke an der erfolgreichen Blutmahlzeit hindern. Ein Vorteil dieses Vorgehens wäre, dass der Impfstoff gleich gegen mehrere Krankheitserreger, die durch Zecken übertragenen werden, schützen würde, also zum Beispiel auch vor den Erregern der Ehrlichiose oder der Babesiose.

 

[*] Wer hier genauer nachlesen möchte, kann zum Beispiel einen Blick auf diesen Artikel werfen: Relationship between immunity to Borrelia burgdorferi outer-surface protein A (OspA) and Lyme Arthritis.

Bild: Borrelia burgdorferi, NIAID

 

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