Das kulturelle Immunsystem

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Goethe_1791Rüdiger Safranski hat ein Buch geschrieben. Eines von rund 80.000, die in Deutschland pro Jahr auf den Markt kommen. Safranskis Biographie über Johann Wolfgang von Goethe ist aber auf den oberen Rängen der Sachbuch-Bestseller-Liste zu finden. Und daher beschäftigen sich die Feuilleton-Redaktionen von Zeitung und Radio recht ausführlich mit dem Buch. “Safranski porträtiert Goethe nämlich als glücklichen Realisten, der die Gabe besaß, sich das Leben gefügig zu machen, mit dem Kopf in den Wolken, mit beiden eleganten Beinen auf dem Boden”,  schreibt etwa Felicitas von Lovenberg in der FAZ. Der Autor erwähnt in den Interviews über sein Buch immer wieder das “kulturelle Immunsystem”, über das ein Mensch neben der klassischen Immunabwehr (Schutz vor Bakterien, Viren und allem Fremden) verfügen sollte.

“Für mich ist Goethe jemand, an dem man beobachten kann, wie ein kulturelles Immunsystem funktioniert”,

heißt es etwa in einem Gespräch, das die FAZ mit Rüdiger Safranski und Daniel Kehlmann führte. Dieses Immunsystem äußere sich bei Goethe in seinem Gespür dafür, welche Denkweisen für ihn förderlich, welche hinderlich waren. Er war offen und gleichzeitig eigensinnig, was ihm, so Safranski, zu einem gelungenen Leben verhalf.

“Dazu braucht man Beweglichkeit und einen Willen zur Selbstbewahrung. Man könnte das auch existentielle Urteilskraft nennen. Jedenfalls kommt es nicht darauf an, mit jedem vernetzt zu sein. Man muss auf intelligente Weise ignorieren können. Goethe konnte das.” (Safranski in der FAZ)

Einerseits gefällt mit der Gedanke eines “kulturellen Immunsystems”. Ja, es gibt Themen, Gedanken, Situationen, Kritik (!), Filme, Bücher, Gespräche und Begegnungen, die entweder gut tun oder eben auch nicht. Hier gilt es auszuwählen und vieles abzuwehren, gerade in Zeiten, wo durch das Internet die Informationsströmen nur so über uns hereinbrechen. Doch das kulturelle Immunsystem, wie es Safranski und Kehlmann in dem FAZ-Interview beschreiben, geht mir an einer Stelle entschieden zu weit.

“Wenn er (Goethe) aus dem Verkehr mit jemandem nichts Produktives mehr gewinnen kann, so beschäftigt er sich nicht mehr mit ihm.”(Daniel Kehlmann in der FAZ)

Ein gelingendes Leben – ja, auf jeden Fall, das wünscht sich jeder Mensch. Doch den anderen ignorieren, sobald er mir nichts mehr bringt? Egoismus pur, würde ich sagen. Denn für einen Menschen sollten es noch andere Gründe geben, auf den Mitmenschen zuzugehen als der eigene Nutzen. Gerade das ist menschlich. Alles andere wäre ein Angriff auf diese Menschlichkeit, eine gesellschaftliche Autoimmunkrankheit sozusagen, um im Sprachgebrauch zu bleiben. Und an der kranken wir womöglich schon viel zu sehr.

(Bild: Johann Wolfgang von Goethe 1791, Porträt von Johann Heinrich Lips, Wikimedia Commons)

Ein Gedanke zu “Das kulturelle Immunsystem

  1. Ist das Gegenteil eines kulturellen Immunsystems dann “kulturrelles Aids”? Ich habe vor Jahren diese soziologische Wortfindung gelesen und nie wieder aus den Augen verloren. Leider habe ich vergessen, von wem dies stammt. Wer kann da helfen?

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